Die Entdeckung der Langsamkeit

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In den Pressemeldungen gibt es für gewöhnlich nur eine Richtung: schneller, schöner, besser. Das ist im Mobilfunk in letzter Zeit wieder sehr in Mode gekommen. Die Netze werden schneller, die Darstellung auf den Geräten durch die Entwicklung der Displays schöner und die Bedienung wird immer besser. Doch Vieles, was heute als Standard angesehen wird, konnte sich nur durchsetzen, weil die Technik an sich weder schneller, noch schöner, noch besser wurde.

Vor rund einem Monat bestellte ich mir ein neues Spielzeug. Beim Versender Pearl kaufte ich ein Internetradio im Hifi-Design. Das klingt an sich nicht besonders. Das Gerät kann per Cinch, Koax oder optischem Ausgang an eine Hifianlage angeschlossen werden und bezieht seine Daten aus dem Internet via WLAN oder normalem Ethernet. Sicherlich hat es seine Macken – die Bedienung ist manchmal etwas sperrig, die Lautstärke Regelung arbeitet zeitversetzt und die USB Anschlussdose scheint falschherum zu sein – die LEDs der USB Sticks zeigen allesamt nach unten. Doch jetzt kommt das grosse Aber: dieses Ding ist der Weltempfänger von heute. Er bringt mir nicht nur meine Lieblingsradios, die 350km von mir entfernt senden, in guter Qualität auf meine „old-school“ Hifi-Anlage, es macht das mit Radios auf der ganzen Welt. Dazu kommen Audiocasts, die ich on-demand anhören kann und die Möglichkeit, per USB ganze Gigabytes an MP3s auf meine Hifianlage zu bringen.

Das Radio im Hifi-Design. Vermeintlich alte Technik – aber eine moderne Anwendung

Man mag vermuten, dafür sei brandaktuelle Technik nötig. Nein, das Gegenteil ist der Fall. Die Datenraten, die gebraucht werden, sind niedrig. Qualitativ hochwertige Radios brauchen 256 kbit/s – dazu reicht DSL light. Der Mainstream pustet 128 kbit/s durch das Netz – das ist das Niveau von ISDN mit Kanalbündelung. Einfache Audiocasts liegen noch darunter – da würde theoretisch ein Modem reichen.

Auch der Rest sind alte Hüte: aufgrund der niedrigen Datenraten reicht die langsamste WLAN Datenrate oder das langsamste Ethernet. Moderne WLAN Anlagen, wie hier eingebaut, liefern das selbst an der Empfangsgrenze. Das oft genutzte MP3 Format stammt aus dem Jahr 1992. Das Vorgängerformat PASC wurde beispielsweise schon von Philips DCC Rekordern genutzt. Die zur Decodierung benötigte Rechenleistung können heute stecknadelgrosse Prozessoren zur Verfügung stellen.

Das liest sich nicht wirklich nach Highend, hohen Datenraten und einer neuen bunten Welt. Manche würden die oben geschilderten Technologien als „Legacy“ am liebsten in die Tonne treten. Doch hätte man genau das gemacht, gäbe es heute keine Internetradios. Die Produzenten hätten kein Format, auf das sie sich spezialisieren können, die Kunden keinen Empfänger, der ihnen wirklich die Welt nach Hause bringt.

Vom Mobilfunk erwarte ich mir heute das gleiche. Wir stehen wieder vor einem Technologiesprung. Doch es muss sichergestellt werden, dass die vorhandene Technik nicht funktionslos wird. Aufgrund der sehr kurzen Technologiezyklen ist der Mobilfunk in vielen Bereichen noch nicht angekommen, wo er eigentlich sein könnte. So kenne ich kein echtes Internetradio für das Auto. Der Grund ist klar: die Zyklen von der Entwicklung bis zur Markteinführung sind relativ lang. Allein Tests dauern: stellen sie sich vor, ein Drehen am Lautstärkeregler des Lenkrads würde vom Internetradio ignoriert, dafür vom Tempomaten als „Vollgas“ interpretiert werden. Jetzt ein UMTS Autoradio zu entwickeln, testen und in den Markt einzuführen bringt nichts, wenn UMTS dann auf 2,1 GHz nicht mehr sendet und nach weiteren fünf Jahren vom Markt verschwindet, wenn das Auto zu dem Zeitpunkt nicht mal die Hälfte seiner Lebenszeit erreicht hat.

Manchmal reicht eine vorhandene Technik in Kombination mit dem Erfindergeist der Entwickler. So ist aus „uralter“ Technik ein neuer Weltempfänger entstanden. Die Zukunft im Auge zu behalten, gleichzeitig das Vorhandene auskosten. Jetzt, vor dem Beginn von LTE, ist das eine Herausforderung, dem sich die Mobilfunker stellen müssen.

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