TelCo in Idstein: Wieder einer weniger

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Die Service-Provider – das Thema kommt in meinem Blog öfters vor.

TelCo Hauptquartier in Idstein (Quelle: www.idstein-live.de)

TelCo Hauptquartier in Idstein (Quelle: http://www.idstein-live.de)

Wie regelmäßige Blog-Leser wissen, bin ich quasi seit Anfang an in der deutschen Mobilfunkszene mit dabei, von den Anfängen der D-Netze bis heute (daß ich als Kind schon im A-Netz telefoniert habe, lassen wir hier mal weg 🙂

Neben Telekom D1 und Mannesmann D2 „Privat“ gab es von Anfang die Service-Provider, etwa die von Gerhard Schmid gegründete Mobilcom in Büdelsdorf. Erinnern Sie sich noch an Namen wie Proficom, Axicom, Martin Dawes, Dekratel, Ford-Mobitel 2000, oder Unicom die heute alle zur „Freenet Group“ gehören?

Der Gerätehersteller Motorola gründete einst seinen eigenen Service-Provider, die Motorola TelCo. Die starteten mit einer kostenfreien Hotline, was am Anfang noch zum guten Ton gehörte, aber in dieser Branche gar nicht allgemein üblich war. Irgendwann kamen die Motorola-Manager in Schaumburg, Illinois auf den Trichter, daß das „Service providen“ nicht zum Kerngeschäft gehörte und verkauften den Laden an Ronald S. Lauder, den Sohn der Kosmetikkönigin Estée Lauder, die 1946 ihre märchenhafte Karriere startete. Ronald S Lauder nannte sein Unternehmen RSL-com, man verkaufte Call-by-Call, Preselection und hatte einen eigenen Mobilfunkservice-Provider.

Und wieder eines Tages stellte RSL fest, daß man mit Telefonieren irgendwie nicht richtig Geld verdienen konnte, der Festnetzteil wurde zugemacht, die Manager des Mobilfunkteils ergriffen die Gelegenheit und kauften ihren Laden zu günstigen Konditionen („Management Buy Out“) und benannten ihn „wieder“ in TelCo Services GmbH um.

Kurzer Hinweis: Die ehemalige RSLcom hat übrigens NICHTS mit der aktuell existierenden rslcom (www.rslcom.de) ein Label der Webmobilisten („Wir sind die Guten“) zu tun, man hatte von der alten Firma nur den Namen übernommen, wie mir auf Anfrage mitgeteilt wurde.

Kleiner Exkurs: D-Plus

In Mainaschaff bei Aschaffenburg war von einem Gerhard Schmid, der weder verwandt noch verschwägert mit Gerhard „Mobilcom“ Schmid ist, ein Service-Provider mit Namen TMG-Mobilfunk gegründet worden, der sich später in „D Plus“ umbenannte. Die Anteilseigner und Zielgruppe: Radio & Fernsehfachhändler, die ihre Kunden gut beraten und persönlich betreuen wollten.

Da aber am Anfang nicht alles so glatt lief, kam die TMG in Schwierigkeiten und mußte von der Bayrischen Landesbank gerettet werden. Verkauft wurden sie schließlich an die „Uniscource“ einem Club verschiedener europäischer Netzbetreiber und in D-Plus umbenannt, die neuen Räume standen in Karlstein in einem ehemaligen Firmengelände, wo einst atomare Spezialtechnik bearbeitet worden war.

Die Unisource hatte irgendwann an D-Plus auch keine Freude mehr und bot den Laden zum Kauf an. Das D-Plus-Management wolle selbst einsteigen, doch ein gewisser Gerhard Schmid (diesmal von Mobilcom) war schneller und kaufte D-Plus, um es nach einjähriger Gnadenfrist „Wenn ihr gute Zahlen schreibt, könnt ihr weiter machen…“ bei Cellway (Fusion aus Axicom, Proficom und Martin Dawes) einzugliedern.

Das gemütliche Ambiente war dahin. Fachhändler schwärmen heute noch von genialen Incentive-Reisen für verdiente D-Plus-Fachhändler. Ein Teil dieser Händler machte mit Cellway (später auf Mobilcom verschmolzen) weiter, ein Teil wechselte zur damals wieder unabhängigen TelCo in Idstein (Taunus). Dort herrschte noch das gleiche familiäre Firmengefühl, wie man es von D-Plus kannte, kein Wunder war doch einer der Spitzenmanager von D-Plus nach Idstein gewechselt.

An einem nahenden Wochenende soll im Taunus Erstaunliches passiert sein: Im Büro der TelCo Vorstände sei unvermittelt ein Abgesandter der Drillisch-Gruppe aufgetaucht, berichtet die Legende und habe einen Koffer mit sehr viel Geld auf den Tisch gestellt. Dazu ein paar wichtige Papiere: Die Vorstände möchten bitte sogleich unterschreiben und unmittelbar danach das Haus samt Koffer unauffällig verlassen und nie mehr wieder kommen, denn das Unternehmen sei dann verkauft.

Bei soviel Geld (man spricht von einer mittleren 7stelligen Summe), wurden die drei Vorstände „schwach“ und schwupps: TelCo gehörte zur Drillisch Gruppe. Die neuen Inhaber konnten mit dem gemütlichen Lebenstil der TelCo wenig anfangen und begannen sofort, Alles und Jeden auf den Kopf zu stellen und umzuorganisieren. Altbewährte Mitarbeiter schauten sich schnell nach Alternativen um und ergriffen die Flucht.

Das Schlußkapitel von TelCo wurde dieser Tage aufgeschlagen: Wieder zwischen Tür und Angel erfuhren die letzten 74 treuen Mitarbeiter in Idstein, daß ihr Standort komplett geschlossen werde. Wer unbedingt wolle, könne ja ins 80km entfernte Maintal pendeln, dem Hauptquartier der zur Drillisch-Gruppe gehörenden „Alphatel“, die (wie Drillisch) als reiner Mannesmann-D2-Service-Provider gestartet waren. Doch die meisten der 74 Mitarbeiter in Idstein arbeiten in Teilzeit und haben Haus, Familie oder Freunde in Idstein oder Umgebung und sind dann einfach nicht so flexibel, wie sich Manager das alles am grünen Tisch vorstellen.

Leider ist es in einem zusammengekauften Unternehmen dem Computersystem völlig egal, ob 100, 200 oder 500.000 Kunden verwaltet werden, (wenn man bestimmte Übergangseffekte beim Zusammenlegen von Kundendaten aus verschiedenen Quellen in den Griff bekommt) Wo die meisten Kunden nichts mehr bezahlen wollen, schauen auch die Firmenchefs, daß sie nicht am Hungertuch nagen müssen, denn am Ende des Tages soll sich die Sache ja rechnen und Aktionäre sind ja auch noch da.

Ich war früher immer ein glühender Verfechter des Original-Netzbetreibers und der kurzen Wege und bin das im Prinzip auch heute noch. Im Zeitalter der Auslagerung (neudeutsch „Outsourcing“) könnte ein Service-Provider, der sich voll auf seine Kunden und ihre Probleme konzentriert und eine Art Pfadfinder durch den TK-Dschungel darstellt, schon Sinn machen. Aber wo ist das nachhaltige Geschäftsmodell? Die Kunden haben Vorstellungen und Wünsche und ein Punkt ist, daß das Alles möglichst gar nichts kosten soll. Und wenn in Klein-Kuhdorf ein Sender ausfällt und die Kunden nicht telefonieren können, ist der Service-Provider nur der Prügelknabe, der vom Kunden geschlagen wird „Warum kann ich nicht mehr telefonieren“ und sich mit Netzbetreiber herumärgern muß „Was regen Sie sich denn so auf, wenn in dem Kuhdorf 1-2 Kunden nicht telefonieren können? Wissen Sie was es kostet, da jetzt sofort jemand hinzuschicken?“

Den Mitarbeitern von TelCo in Idstein wünsche viel Glück bei der Suche nach neuen Tätigkeitsfeldern, die Wahrscheinlichkeit, daß ihre Arbeitsplätze bei Drillisch-TelCo in Idstein gerettet werden können, ist leider – nach allem, was sich in der Branche so zeigt, denkbar gering.

Dass einige langjährige Kunden von TelCo aus Enttäuschung zu anderen Anbietern gewechselt sind, hat sich in den Chefetagen von Drillisch vermutlich noch nicht herumgesprochen oder wurde wohl durch zigtausend Discounter-Neukunden mehr als kompensiert.

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3 Antworten to “TelCo in Idstein: Wieder einer weniger”

  1. Thomas Says:

    Wenn es nach mir gehen würde, dann gäb es:
    1.) Eine Bundespost für sämtliche fernmeldetechnischen Aufgaben und Brief-/Warenverkehr,
    2.) Eine Bundeselektrizitätsgesellschaft,
    3.) Eine Bundesbahn,
    4.) Eine Bundeskrankenkasse,
    5.) Landesweit einheitliche und zentral festgelegte Preise für sämtliche Güter (Subventionen für die grundlegendsten Dinge) und für einen bestimmten Zeitraum festgelegte Produktionsmengen,
    6.) Eine Bundesbank,
    usw. usw. usw.
    Dann wäre es schön einfach und übersichtlich!

  2. hrgajek Says:

    Hallo Thomas,

    das was Du forderst hatten wir ja schon mal, in Deutschland West und verschärft auch in Deutschland Ost.

    Wie das geendet hat, ist bekannt. Was ich mir wünschen würde, wäre eine Aufsichtsbehörde, die in besonders krassen Fällen wirksam durchgreift.

    Im Fall Drillisch ist es doppelt unpraktisch: „Strafen“ die Kunden den Anbieter durch Kündigung und Wechsel, weil er bewährte Marken/Unternehmen „abreisst“, werden die Arbeitsplätze erst recht gefährdet… So einfach, wie sich das alles anhört ist, ist es halt nicht.

  3. John Says:

    Es scheint wohl vorbei zu sein:
    http://www.teltarif.de/drillisch-telco-idstein-standort-schliessung-wirtschaft/news/39883.html

    Gruss,
    John

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