3,3 Cent: BNetzA läßt Interconnect implodieren…

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Erinnern Sie sich? Zu Beginn der Mobilfunkära im C-Netz kostete 1 Minute von Fest zu Funk 89 Cent (damals 1,73 DM). Es soll nicht wenige Mobilfunkkunden geben, die heute noch mit solchen Tarifen telefonieren und sich nichts dabei denken.

Hauptgebäude der Bundesnetzagentur im Tulpenfeld in Bonn

Hauptgebäude der Bundesnetzagentur im Tulpenfeld in Bonn

Daß es Mobilfunk-Discounter gibt, wo man für 7,5 oder 8 oder 9 Cent pro Minute in alle Netze sprechen kann, soll sich noch nicht bis zum allerletzten Mobilfunkkunden herumgesprochen haben und der Branche ist das auch ganz recht so.

Der entscheidende Preispunkt im Tarifgefüge ist der sogenannte Interconnect-Preis, d.h. der „Eintrittspreis“, den sich die Mobilfunker geben lassen, wnn sie ein Mobilfunkgespräch annehmen wollen. (Die Preise von Mobilfunk zu Festnetz liegen seit Jahren bei etwa 1 Cent.)

Der mobile Interconnect lag lange im zweistelligen Bereich und sank dann langsam aber sicher unter 10 Cent-Marke. Wenn es nach der EU geht, soll dieser Interconnect eines Tages nicht mehr als für Verbindungen im Festnetz untereinander berechnet werden dürfen. Mit knapp 3,4 Cent/Minute (plus MwSt.) hat die Bundesnetzagentur heute ein drastisches Signal gesetzt.

Genau 3,36 Cent zu Telekom (D1), 3,33 Cent zu Vodafone (D2), 3,37 zu Telefonica-o2 und 3,33 Cent/Minute zu E-Plus  (in dieser Reihenfolge) hat die Bundesnetzagentur (BNetzA)  heute als „Terminierungsentgelte“ vorgestellt, die ab Morgen „vorläufig“ gelten werden. Diese Preise können zum ersten Mal nicht sofort verbindlich in Kraft treten, weil zunächst noch ein nationales Konsultationsverfahren zu den Entscheidungsentwürfen durchgeführt werden muss. Anschließend wird die Bundesnetzagentur die Entgeltvorschläge mitsamt den Begründungen an die EU-Kommission und die nationalen Regulierungsbehörden der übrigen EU Mitgliedsstaaten übermitteln, damit diese auch dazu Stellung nehmen können.

Da müssen Fristen eingehalten werden, die endgültige Entscheidung wird wahrscheinlich erst im März oder April 2011 gefällt werden und gilt dann rückwirkend.

Daß sich daran noch etwas ändert ist zwar theoretisch denkbar, ob aber bereits geführte Telefonate nachträglich zu höheren Preisen nachberechnet werden können oder ob es später noch Rabatte an den Kunden gibt, ist ziemlich unwahrscheinlich. Umgekehrt dürfte vielleicht nicht so schnell mit drastisch sinkenden Preisen zu rechnen sein.

Die Telefongesellschaften haben an ihren Anschlußpunkten Zähler sitzen, wo sie ihre Gesprächsmengen im Sekundentakt „messen“ und dann wird zum Rechner gegriffen. Ich gebe Dir 2.000.000 Minuten und Du gibst mir 2.000.001 Minuten, d.h. ich muß Dir noch 1 Minute bezahlen. Da ist es ziemlich egal, wie hoch der Interconnect ist, wenn die Verkehrsmengen in etwa gleich hoch sind.

Für die kleineren Anbieter war es bisher interessant, einen hohen Interconnect-Preis zu haben, weil die Wahrscheinlichkeit, daß Gespräche von „außen“ herein kamen (wesentlich mehr als von den kleinen fort gingen) viel höher war, ergo floß viel Geld in die eigenen Kassen.

Durch günstige Tarife und Flatrates und Minutenpakete haben die kleinen Anbieter viele Kunden ins eigene Netz geholt, dadurch bleibt heute viel „Verkehr“ im eigenen Netz, wofür es quasi gar keinen netzinternen Interconnect gibt.

Da viele Kunden heute Flatrates und Kostenairbags buchen, besteht kein direktes Verhältnis zwischen vertelefonierten Minuten (verschickten SMS oder versurften MegaBytes) und den erzielten Einnahmen mehr.

Von dem verdienten Geld müssen die Netze dringend aufgerüstet werden: Schnellere Datenübertragungswege, bessere Leitungen, Server, Vermittlungssysteme, neue Sender in der Provinz (z.B. LTE) ), die verbliebenen Hotliner, das Personal in den Läden kostet weiterhin Geld (auch wenn sie teilweise nicht mehr so viel wie früher bekommen) und die Aktionäre (Shareholder) wollen ihre regelmäßigen Dividenden sehen – von daher sind neue Preissenkungen nicht ganz undenkbar, aber sie wollen mit Bedacht eingesetzt werden.

10 Minuten für je 89 Cent bringen 8,90 Euro, bei 9 Cent pro Minute bekommt man fast 99 Minuten fürs gleiche Geld, das ist mehr als mancher Kunde im Monat je vertelefoniert. 1 MB Daten für 19 Euro (bei alten Xtra- oder CallYa Tarifen) oder für 24 Cent (beim Discounter) oder für 1 Cent (1 GB Paket für knapp 10 Euro) zeigt, wie stark die Preise schon gefallen sind.

Die neuen günstigen Preise lassen sich durch die stärkere Nutzung der Kunden („Jetzt zahl ich das Gleiche wie vorher, mache aber mehr als früher damit“) nicht mehr so stark ausgleichen.

Was also wird passieren?

Die informierten Kunden werden ihre Verträge und Tarife durchforsten und langsam aber sicher merken, wo sie sparen können, d.h. die Einnahmen der Anbieter bröckeln, der ARPU (durchschnittlicher Umsatz pro pro einzelner Kunde) dürfte sinken.

Die Anbieter werden ihre Kosten durchforsten und weiter wie verrückt sparen. Solange das eigene Netz nicht vollkommen zusammenbricht und solange nicht enttäuschte Kunden in Scharen den Anbieter wechseln, wird dieses Spiel weiter gespielt, bis …

Bei kleinen Anbietern, die auf der Jagd nach neuen Kunden sind, könnte die Lust steigen, die Preise weiter zu senken. Die Frage ist aber, ob die dadurch erreichbaren neuen Kunden irgendwann profitabel werden oder mit jedem neuen günstigeren Angebot noch schneller verschwinden, als sie gekommen sind.

Ich sehe es an mir selbst: Wieviele neue Prepaid-Angebote habe ich schon ausprobiert? Ein oder zweimal aufgeladen, damit „gespielt“ und mit welchen Karten bin ich regelmäßig aktiv? Daß geschaltete Kartenzahlen nicht alles sind, haben die Anbieter verstanden. Aber 35 Millionen Karten hört sich halt doch gut an. Der Kunde erwartet ein flächendeckendes Netz, egal, ob der Anbieter 16 Millionen oder 35 Millionen Karten geschaltet hat.

Ich sehe auch: Ein Kostenairbag für 39 Euro hat mein Telefonverhalten echt beeinflußt: Iich wollte einmal sehen, wie das funktioniert und habe mit einer sonst eher wenig genutzten Karte viel telefoniert, um in den Airbag-Bereich zu gelangen. Das hat planmäßig geklappt. Somit hat der Anbieter bei mir diesen Monat deutlich mehr Umsatz (etwa das 6fache) gehabt. Aber wie wird es weiter gehen? Morgen hat ein neuer Anbieter ein Angebot und ich probiere wieder was Neues aus.

Die Kundentreue bröckelt und bröckelt. Da gibt es noch einiges zu tun…

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3 Antworten to “3,3 Cent: BNetzA läßt Interconnect implodieren…”

  1. Matthias M. Says:

    Krass, das ist wohl DIE Meldung im Mobilfunksegment des Jahres. Das toppt alle Airbags und Flats. Bin gespannt, wie das nun weitergeht. Von mir aus darf meine Mobilfunkrechnung ruhig um die 20 Euro monatlich betragen. Aber ich möchte dafür durchschnittlich viel telefonieren, egal in welches Netz inkl. EU-Festnetz, und ich möchte mit meinem Handy durchschlittlich viel im Netz surfen. Und wenn dann noch ne bezahlbare kompetente Hotline zur Verfügung steht, falls ich sie doch mal benötige, wäre ich auch nicht unglücklich.

    Das alles ist mit Simyo schon jetzt fast machbar. Von mir aus muss also nicht mehr viel bei den Discountern der E-Plus-Gruppe preislich passieren. 7 ct. pro Minute und SMS, Kostenairbag 30 Euro mtl. und 700 MB für 7 Euro. Mehr benötie ich nicht. 7x7x7

  2. Tweets that mention 3,3x Cent: BNetzA läßt den Interconnect implodieren… « hrgajek.de – Henning Gajek's Blog -- Topsy.com Says:

    […] This post was mentioned on Twitter by Henning Gajek, Oliver. Oliver said: RT @HRGajek: 3,3x Cent: BNetzA läßt den Interconnect implodieren…: http://wp.me/pSBRX-ew […]

  3. Michael Glaser Says:

    Ich bin Telefónica Germany sehr zufrieden: Der Tarif O2 o mit Alle-Netze-Flatrate für 40 EUR (‚Kosten-Airbag‘), die man aber nur voll bezahlen muss wenn man sie ausgeschöpft hat. Dazu Internet-Flatrate für 25 EUR.

    So bringe ich dem Netzbetreiber mindestens 25 EUR ARPU für Internetnutzung, aber oftmals noch zusätzliche 40 EUR für SMS und Telefonie.
    Da haben beide etwas davon und für meine Treue bekomme ich noch 5 % auf den Nettoumsatz obendrauf.

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