Was wir aus dem BlackBerry Desaster lernen können…

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Verzweiflung, Wut und viel Schadenfreude hat der viertägige Mega-Crash beim Smartphone Anbieter Research in Motion, kurz RIM, besser bekannt als BlackBerry ausgelöst. Investoren rufen nach Zerschlagung und Verkauf und haben dabei in erster Linie ihre Renditen im Blick, enttäuschte Nutzer wünschen sich RIM auf den Abfallhaufen der Geschichte, doch das ist alles viel zu kurzsichtig.

Was sollten  wir aus diesem größten anzunehmenden Unfall der mobilen Internet Geschichte  lernen?

BlackBerry Curve 8310

BlackBerry Curve 8310 (Foto RIM)

1. Das proprietäre System

Ein proprietäres System hat dann Vorteile, wenn es funktioniert. Der Anbieter hat alle Komponenten unter Kontrolle und vermeidet komplizierte Abstimmungsprozesse mit wechselnden Lieferanten. Haben die geliefert, was wir wollten, wie werden Probleme gelöst, müssen wir erst mühsam klären, wer an einem Problem „Schuld“ oder dafür „zuständig“ ist?

Das proprietäre System hat Nachteile, wenn es ausfällt, weil die Kunden kaum so schnell ausweichen können. Nicht jeder professionelle Nutzer hat noch ein Android oder Apple Telefon, fix und fertig konfiguriert in seiner Schublade liegen. Vielleicht noch ein Einfachst-Telefon, das nur telefoniert und gerade noch SMS beherrscht, aber abgeschnitten von den e-mails?

2. Der Traum von der Cloud

Cloud-Computing ist nichts Neues. Anbieter wie Oracle haben das schon vor Jahren vorgeschlagen, doch damals waren die Leitungen noch rar und viel zu teuer. Das hat sich heute geändert. Aber alles auszulagern kann zu Katastrophen führen, das ist auch nichts Neues. Vor etwa 20 Jahren hatte eine große Tageszeitung „Terminals“, das waren Bildschirme mit Tastatur, die über eine Datenleitung mit einem weit entfernten Großrechner verbunden waren. Wenn diese Leitung riss, mußte man mit dem Auto zur nächsten Redaktion fahren, um arbeiten zu können. Der Verlag stieg auf lokale PCs mit eigener Software um, die dann untereinander vernetzt wurden.

In Zukunft muß das Thema Datensicherheit bei Netzstörungen viel genauer behandelt werden. Nie waren lokale Datenkopien so wertvoll wie heute.

3. RIM muß sich öffnen

RIM muß sich der Außenwelt öffnen. In die BlackBerry Welt muß eine Schnittstelle eingebaut werden, die es erlaubt, die BlackBerry Endgeräte künftig auch ohne gebuchten  BlackBerry Dienst sinnvoll zu betreiben. Ein Menüpunkt für den APN des aktuell verwendeten Mobilfunkbetreibers gibt es zwar, doch er scheint bei neueren Versionen keine Wirkung  mehr zu haben, weil es beim Abrechnen von Daten via BlackBerry und via Mobilfunkanbieter in der Vergangenheit immer wieder zu „Diskussionen“ kam.

Die Möglichkeit,  einen BlackBerry ohne BlackBerry Dienst sinnvoll verwenden zu können, würde  die Geräte über Nacht für neue Kunden- und Zielgruppen interessant machen, die keinen Zusatzdienst buchen möchten oder können, die vielleicht nur wenige e-mails direkt auf ihrem Handy abrufen möchten, über die POP3 oder IMAP4 Server ihres Lieblings-Mail-Providers.   Kunden von Discountern, die von ihren Vorlieferanten keinen Zugriff auf die BlackBerry Dienste bekommen, weil sie  Zeit oder Lust haben, sich darum zu kümmern oder es ihnen schlicht zu teuer ist.

Diese Öffnung der BlackBerry Geräte  ließe sich relativ schnell umsetzen, braucht nur ein wenig Software im Netz und ein kleines Update für die  Geräten.

4. Business – Privat – Multimedia ?  RIM muß wissen, wohin die Reise geht

Die Geschäftswelt, die ernsthaft ihr Handy nutzt, braucht zuverlässige Geräte mit echter Tastatur. Punkt. Multi-Media und Apps lenken da nur ab, auch wenn sie hip sind.  Sie sind vielen Administratoren ein Greuel. Es muß einfach robust und zuverlässig sein, egal, ob es stürmt oder schneit.

Die Digital Natives, die multimedial aufgewachsen sind, möchten das natürlich auch auf ihrem mobilen Device nutzen können. Hier braucht es schnelle, leistungsfähige Geräte, die viel Multimedia können, doch das braucht Rechenleistung und die kostet wertvolle Energie. Für Geräte die mehrere Tage durchhalten sollen (gerade BlackBerry wird für seine extreme Energiesparsamkeit geschätzt),  ist das eine extreme Herausforderung.

Der BlackBerry Web-Browser ist m.E. gar nicht so schlecht, aber  kurzfristig wer „mehr“ will, kann sich jederzeit einen andern Browser wie etwa den Opera Mini herunterladen. Ob es wirklich Sinn macht, völlig überladene Webseiten (eine in der Hinsicht beliebte Testseite ist die einer Zeitung mit riesengroßen Buchstaben), auf einem kleinen Handy zu betrachten, muß jeder Anwender für sich entscheiden. Fortschrittliche Anbieter haben längst mobile Versionen ihre Webseiten programmiert und lassen dem Nutzer die Auswahl (!), ob er die mobile oder die „normale“ (=herkömmliche) Version haben will.

Die Digital Natives kommunizieren heute über Facebook, morgen über Google+ und übermorgen, wer weiß es schon? Klassische e-mails scheinen hier kaum noch eine Rolle zu spielen, hier wird in Gruppen (Chats, virtuellen schwarzen Brettern) interagiert. Hier können Tablets mit 7-10 Zoll Bildschirmen ihre Stärke ausspielen. Das BlackBerry „Playbook“ Tablet wird meines Erachtens völlig zu unrecht verdammt, vielleicht sollten Sie einfach mal in einen Laden mit vernünftiger Beratung gehen und sich das Tablett einmal zeigen lassen. Es hat seine Vorzüge.

5. Sollte RIM auf Android gehen?

Während des Crashs wurde im Internet „herumgealbert“, daß RIM auf Android umsteigen wolle. Ein offenes Betriebssystem, an dem die gesamte Web-Community entwickelt, hat, wie man an Google’s Android sehen kann, schon seinen Reiz. Wenn RIM ein Gerät bauen würde, auf dem auch Android Apps laufen, das aber gleichzeitig den Anschluß zum Schweizer-Taschenmesser BlackBerry nicht verliert, hätte das sicher seinen Reiz und wäre mal was richtig Neues. Dazu braucht es viel Mut und gute Entwickler, denen genügend Zeit gelassen wird, Zeit die RIM aber nicht unbedingt hat.

6. Zu wenig BlackBerry Apps ?

Professionelle App Programmierer entwickeln heute in einer Hochsprache, die sich dann auf die Systeme von Windows Mobile, Android, Symbian oder BlackBerry umsetzen läßt. Das Problem sind dann die allerletzten Feinheiten wie Grafikauflösungen und Schnittstellen der einzelnen System und Geräte, aber dafür gibt es Software. Vielleicht sollte das mehr in den Vordergrund gestellt werden. Offene Standards sind hier von Vorteil.

7.  Die Finanzinvestoren:  Etwas Zurückhaltung bitte.

Finanzinvestoren leben von schnellen zeitnahen Informationen. Wenn die wegbrechen, brechen ihnen die Geschäfte weg. Wenn die Investoren nun glauben, RIM oder BlackBerry „zerschlagen“ zu müssen, sägen sie sich den Baum, auf dem sie sitzen einfach um. Der 4 tägige Crash sollte das ihnen eigentlich schmerzhaft vor Augen geführt haben. Ob sie das  begriffen haben?

8.  Die Alternativen

Während des Crashs bin ich auf Apple, Android und Symbian ausgewichen und hatte ausgiebig Zeit zu vergleichen. Für Leute, wo Zeit Geld ist, wo viele Mails in möglichst kurzer Zeit geschrieben und verarbeitet werden müssen, muß es ein stabiles robustes Device mit Tastatur sein. Die Tippfehlerquote bei Touchscreens ist auch mit Schreib-Korrektur-Hilfen viel zu hoch, beim Androiden schlichen sich teilweise peinliche „Fehler“ ein, weil das Korrektur-Programm ganz andere Worte vorschlug. Schreibe „Maid“ und das System wechselt zu „Maus“, um ein Beispiel zu nennen. Spracherkennung wie Siri von Apple mögen die Zukunft sein, doch dahin ist der Weg noch weit. Wenig bekannt ist, daß auch in BlackBerries eine Spracherkennung eingebaut ist. Hier sollte weiter entwickelt werden.

Übrigens:  Symbian-Geräte von Nokia sind zwar heute weitgehend „out“, bieten aber für Leute, die Ihr Telefon wirklich  „benutzen“ wollen, durchaus ihren Reiz, wenn man sich vom aktuellen Hype nicht verrückt machen läßt.

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Eine Antwort to “Was wir aus dem BlackBerry Desaster lernen können…”

  1. Christian Kaupert Says:

    Eine Vielzahl aus der „älteren“ Generation, die sich nie oder nur zögerlich mit Neuerungen abfinden wollen oder können, reden darüber mit Vokabeln wie „Schnickschnack“ auch über die „mobilen Errungenschaften“. Hatte sie recht, oder wird sie recht behalten ???

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