Voice is Noise ?

by

hans_vestberg_2a

Hans Vestberg, Vorstandsvorsitzender (CEO) des Telekommunikation Weltkonzerns Ericsscon (Bildquelle: Ericsson) hat auf der in Las Vegas (USA) stattfindenden Messe „CES“ in einem Interview mit dem Branchenportal Teltarif.de den bemerkenswerten Satz „Voice is Noise“ gesagt. Ein Satz, der uns uns alle gewaltig schockieren sollte.

Das Unternehmen Ericsson gehört zu den ältesten noch existierenden Unternehmen der weltweiten Telekommunikationsbranche. Gründer Leif Magnus Ericsson war ein Pionier des Festnetzes in Schweden und baute Telefonapparate und die Netze dahinter. Später brachte er eines der ersten Autotelefone mit Wählscheibe (!) auf den Markt. Heute konzentriert sich Ericsson auf die Netzwerktechnik und gilt unter Kennern als weltweit führend und liefert Produkte, die nicht gerade billig, dafür aber von hoher Qualität sind. Daneben ist Ericsson auch als „Netzbetreiber“ im Auftrag der Mobilfunkanbieter tätig, sorgt für den Aufbau, Betrieb und Wartung von Mobilfunknetzen. Sie wissen also, wovon sie reden.

Für Hans Vestberg steht die Vernetzung der Endgeräte absolut im Vordergrund: „Vernetzt zu sein ist alles!“ Zu verbinden gibt es einiges, nicht nur klassische Telefone, sondern eigentlich alles, wie Autos, Diagnosegeräte aller Art (läuft mein Motor rund, was macht meine Gesundheit, funktioniert daheim die Heizung?) oder Handy-Banking, die weitere Entwicklung des mobilen Bezahlens, die auch aufstrebenden Entwicklungsländern eine Chance bietet, mit dabei zu sein. Alles in allem ein Markt, von dem sich alle Hersteller wundersame Dinge versprechen.

„Voice is noise“ ?

Und dann sagt Herr Vestberg „Voice is Noise“, was man mit „Sprache ist nur noch ein Geräusch“ übersetzen kann. Oder mit „Sprache ist überflüssig, lästig, brauchen wir nicht mehr?“ Hallo?

Wenn ich so im Alltag mobil telefoniere, ärgere ich mich über eine mitunter wirklich gruselige Sprachqualität, egal in welchem Netz. Scharfe metallische Klänge, Silbenfehler, Aussetzer, Handover die früher einmal funktioniert haben und heute nicht mehr klappen, weil Nachbarschaftstabellen nicht aktualisiert wurden oder alte Backups die mühsam ausgetüftelten Feineinstellungen zerstört haben. Techniker, die Zeit und Lust haben, sich drum zu kümmern, sind Mangelware oder unbezahlbar. Die Kunden wollen nichts zahlen: 9 Cent/Minute gelten heute schon als mega teuer, klar bei einem Interconnect-Preis von rund 2,2 Cent müßte Sprachtelefonie schon für 3 Cent Endkundenpreis möglich sein. Daß bei solchen Preisen keinerlei Luft mehr für Qualität oder Service bleibt, ist doch klar. Wer mir Preise aus Asien oder Afrika präsentiert, muß auch fairerweise das dortige Lohn- und Einkommensniveau berücksichtigen und dann sieht das schon ganz anders aus.

Also läßt man die Netze verkommen und rüstet nur soviel nach, wie unbedingt sein muß. Oder man „verlernt“ wie Sprache vernünftig klingen kann, welche Möglichkeiten, das beispielsweise von Ericsson entwickelte Verfahren AMR-WB (Adaptive Multirate Wideband oft als „HD-Voice“ bezeichnet) bieten könnte.

Der neue Chef von T-Mobile John Legere hat kürzlich HD-Voice eingeführt, bei T-Mobile in den USA, deren neuer charismatischer Chef er ist. Legere prägte auf der CES-Show in Las Vegas den Satz: „Würde ein Marsmensch hier landen und sich den Mobilfunkmarkt anschauen, würde er wenige Minuten später den Rückflug antreten.“ Recht hat er! Ob sich seine Erkenntnis auch hierzulande durchsetzen wird?

Sicher, die Jugend ist heute oft sprachlich zurückhaltend, sie texten (Simsen, whats-appen?) lieber. Ist ja oft auch praktischer, weil man Nachrichten immer los werden kann, auch wenn es gerade für ein direktes Gespräch nicht passt. Wissen die Texter auch, welche Informationen Sprache übertragen kann? Wie geht es mir, fühle ich mich gut, bin ich fröhlich oder traurig, das können Emoticons nur sehr schwach oder gar nicht wiedergeben.

Sorry, wenn ich nerve: Das Verramschen des Mobilfunks muß endlich aufhören. Das eingenommene Geld darf nicht in irgendwelchen unklaren Investitionen in Taka-Tuka-Land versickern, sondern muß den Kunden in hörbarer und fühlbarer und sichtbarer Netz- und Service-Qualität vor Ort zurückgegeben werden.

Ich bin seit A-Netz in der Branche, aber mein Eindruck ist, daß die Service-Qualität in den letzten 1-2 Jahren bei allen Anbietern schmerzhaft spürbar schlechter geworden ist. Dinge, die über einen vertragsabschluß hinaus gehen, gehen immer mehr schief. Rufnummernportierungen landen im Nirvana (Hallo Congstar habt ihr die 500 (oder 5000 (?)) verlorenen zu portierenden Rufnummern schon wieder gefunden?) oder scheitern an Kleinigkeiten wie dem Wechsel von Geschäfts- zu Privatkunden oder unklaren Zuständigenkeiten (welcher „Netzbetreiber ist bei den 20.000 Untermarken genau einzutragen, welcher Marken- oder Firmenname ist noch relevant, wenn permanent Firmen verkauft, fusioniert oder geschlossen werden?) Die vom Gesetzgeber vorgeschrieben vorzeitige Portierung funktioniert derzeit quasi gar nicht, wenn nicht der kundige Endkunde als kostenloser Consulter sein Mobilfunkunternehmen nachschult und massiven Druck ausübt.

Bei Sprache im Netz gibt es durchaus Potenzial zur Verbesserung! Bis alle Netze weltweit mit AMR WB ausgerüstet sind, gibt es noch gut zu tun. Auch bei den Endgeräten müssen die analogen Funkteile dringend überarbeitet werden.

Branchenkenner geben heute unverhohlen den Tipp, zum Telefonieren ein „altes Gerät“ zu behalten, weil die neuen Super-Smartphones funktechnisch immer „schlechter“ werden, je populärer eine Marke ist, desto schlechter das Endgerät? Probieren Sie es aus. Mit einem Nokia 6310i oder einem steinalten Siemens S25 haben Sie möglicherweise noch Empfang, wo ein modernes Smartphone schon den Geist aufgibt. Daß trotz vieler tausend Sendestationen noch mindestens genausoviele Stationen fehlen, um die letzten Funklöcher zuverlässig zu stopfen, daß kleine Sendestationen viel platzsparender und unauffälliger und damit ohne Angst aufgestellt werden können, wollte ich nur nochmal kurz erwähnen.

Wie gesagt, hier schlummert eine Menge an Potenzial. Die Träumer von neuen bahnbrechenden OTT (Over the Top) Diensten können ihre Träume erst verwirklichen, wenn die Netze dafür wirklich bereit sind.

Ericsson rechnet mit dem fünfzehnfachen an Datenverkehr in den nächsten 5 Jahren, gegenüber dem heutigen Datenaufkommen. Nur die Kunden erwarten, daß das zum gleichen oder besser günstigeren Preis zu haben ist. Wie soll das gehen? Indem alle Menschen herausgespart und alle Prozesse und Abläufe extrem optimiert werden?

Ok, das könnt ihr haben. Wir führen die Telekommunikationssteuer ein, nehmen jedem Bürger 30 Euro im Monat ab und stecken das in einen massiven Netzausbau. Im Gegenzug gibts für jeden Bürger eine Telefon- und Datenflat, überall in der Großstadt, in der Tiefgarage bis zum Einödbauernhof im hintersten Seitental im Einheitsnetz. Konkurrenz wird dabei abgeschafft. Eine schöne Utopie, die nicht funktionieren wird.

Eine Differenzierung nach „Wer mehr bezahlt bekommt auch mehr“, wäre psychologisch eher zu vermitteln, aber das kollidiert mit der sinnvollen und wertvollen Netzneutralität. Wenn ein Anbieter Peta-Bytes von HD-Video-Streams überträgt, sind das nun mal sehr viel mehr Daten, als die Homepage der Initiative „Rettet das bayrische Hängebauchschwein“, auf der nur die Termine der Basisgruppe gelistet und vielleicht noch ein einfaches Forum gehostet wird.

Da könnte man dem großen Anbieter mehr Geld abnehmen, was der aber nur bezahlen wird, wenn er dafür überall Vorfahrt im Netz bekommt.

Oder die Netze werden generell so massiv hochgerüstet, daß sie den Mega-Verkehr verkraften und die Nischen-Anbieter ohne Probleme mitlaufen können. Wer zahlt diese Aufrüstung?

Wenn wir dann am Ende ein ubiquitäres Netz haben (Volle Flächendeckung wirklich überall), werden neue Begehrlichkeiten auftauchen. Jetzt können wir jeden und jedes jederzeit „beobachten“, ob das immer und jederzeit gewollt ist?

Fragen, auf die es noch keine vernünftige Antwort gibt.

Eins ist klar: Für lau oder als Flatrate für nen 10er ist das nicht zu schaffen.

In die Mobilfunksteinzeit ohne Netz will auch keiner.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

4 Antworten to “Voice is Noise ?”

  1. Michael Glaser Says:

    Sehr schön geschrieben, Henning!
    Momentane Lage wieder gut auf den Punkt gebracht!
    Schönes Wochenende!

  2. Werner Says:

    Gerade durch diese hohe Leistung der Netze etablieren sich auf mobilen Endgeräten Dienste wie Skype, Facebook, WhatsApp, etc. Dies sind alles Anwendungen, mit denen die Entwickler viel Geld machen – am Telekommunikationsanbieter vorbei, welcher dieses Geschäft über sein Netz überhaupt erst ermöglicht. Gleichzeitig verzichtet der Anbieter auf klassische Einnahmen wie z.B. durch SMS.
    Wir haben also die Wahl: maximaler Preis mit voller Leistung, dann sind wir aber weit von den 25-30€ pro Monat entfernt.
    Oder wir machen es weiter billiger, verlagern Arbeitsplätze ins Ausland und sehen zu, wie die Netzquälität nachlassen und der Ausbau der Netze langsamer wird – bei den täglich steigenden Datenaufkommen wäre dies fatal.

    Oder aber wir zahlen für eine qualitative Mehrleistung eben auch etwas mehr Geld.

    • HoldaT Says:

      Fraglich ist aber eben, ob man eine kritische Masse an Kunden davon überzeugen kann/könnte, dass für mehr Qualität mehr Geld von Nöten ist. Ich bezweifle das.
      Man schaue nur mal auf den „Amazon-Skandal“. Der deutsche Gutmensch kündigt mit Stolz geschwellter Brust seinen Amazon-Account und wird wenn sich das Getöse gelegt hat, zurück kehren, weil es doch alle so machen.
      Ebenso beim „Pferdefleischskandal“. Die Massen fressen Lasagne für 1,29 € je Portion und tun erstaunt, wenn darin Pferde, Gänse, Esel und Gummihandschuhe verwurstet wurden. Die Politik produziert ein bisschen heiße Luft… und was gibst dann in 3 Wochen zu Mittag? Lasagne für 0,99 €, weil die gerade mal im Angebt war.

      Das ganze Geschwafel von Qualität zieht nicht. Die Deutsche wollen billig und billiger. Da kann man bei einem Massenprodukt wie Mobilfunk nicht mit Premiumqualität kommen wollen. Hierzulande gibt es keine kritische Masse qualitätsbewusster Verbraucher, die ein Mobilfunknetz „ernähren“ könnten.

      Besser wäre der Weg eines besseren Netzes und der Priorisierung der Premiumkunden. Dies wäre einfach zu realisieren, nur eben aktuell nicht, da die Regenten der Mobilfunker überwiegend Erbsenzähler sind, die nur im 3-Monats-Zyklus denken. Was nutzt da der Ausbau eines hochwertigen Netzes, das sich vielleicht erst in 3 Jahren rechnet. (Obwohl im Mobilfunk das Netz in 3 Jahren eh Schrottwert haben dürfte.)

  3. Julius Zuzelbach Says:

    Hallo Henning,
    ja, ich bin auch ein Anhänger der „alten Schule“ – mir ist ein Telefonat im Zweifel immer angenehmer, als irgendein Getippe.
    Merke aber zunehmend, das ich deshalb einer Minderheit angehöre.

    Es macht sich immer mehr eine ausgeprägte Sprachlosigkeit breit.

    Man sollte dringend versuchen zumindest die Reste unserer Sprachkultur zu retten.

    Die um sich greifende Halbsatz-Kommunikation und das unsägliche Getto-Gequatsche sind erste Zeichen eines dramatischen Verfalls.

    Das hierbei der Mobilfunk und insbesondere das Datennetz eine Mitschuld trägt ist erst auf den zweiten Blick ersichtlich.
    Nämlich bereits mit der ersten SMS (und den entsprechenden Abkürzungen) wurde damals die Axt an die Wurzel unserer Gesprächskultur gelegt…….
    Nach der Evolutionslehre heißt das dann:

    In einigen Jahrhunderten sind wohl die Stimmbänder degeneriert, aber die Fingergelenke dann umso leistungsfähiger ….

    Na dann

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: