Barcelona MWC 2013 – meine ganz subjektiven Eindrücke

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Vom 24.-28.2. schaute alle Welt wieder nach Barcelona in Catalunya in Spanien. Ich war von Sonntag mit Mittwoch dort.

Eingang FIRA

Die Mobilfunkwelt traf sich wieder in Barcelona

Der ursprüngliche GSM-Weltkongress fand einst im beschaulichen Cannes in Südfrankreich statt. Wo sonst Filmstars über den Laufsteg schlendern, traf sich einst die Elite des Mobilfunks in einem völlig überfüllten Kongresszentrum, wo „indoor Netzversorgung“ damals ein absolutes Fremdwort war.

Anfangs nur als Kongress gedacht, wollten die Hersteller auch etwas vorführen. Doch mangels Platz fanden die Messe- und Pressetermine in eilig aufgebauten Zelten am Strand oder auf den klitzekleinen Motorbooten verarmter Einwohner aus dem Fürstentum Monaco statt. Irgendwann wurde es zu eng und zuviel, man zog nach Barcelona.

Das teilweise denkmalgeschützte Messegelände der FIRA am Paca Espanya bestand aus zwei Teilen, die von einer Durchgangsstraße getrennt wurden. Extra für die Messe hatte man diese Straße jedes Jahr gesperrt und noch weiteres Ausstellungsgelände gewonnen, aber die Messehallen waren alt und auf die Dauer zu eng und die Tagungsräume ziemlich winzig.

FIRA Hotel

Soll an den Star Architekten Gaudi erinnern: Das FIRA Messehotel

Da traf es sich gut, daß die Messegesellschaft FIRA Barcelona ein komplett neues Gelände aufbaute, es liegt in einem Industriegebiet und besteht aus 8 Hallen, die vom Layout und Design ein wenig an die Messe München erinnern. Ja München hätte den Weltkongress auch gerne gehabt, aber die Anforderungen der GSMA, dem Dachverband aller digitalen Mobilfunker waren so knallhart, daß München am Ende aus dem Rennen ausstieg und Barcelona den Sieg nach Hause trug. Vielleicht liegts auch am besseren Wetter. Bei 10-12 Grad und Sonnenschein, kann man es durchaus aushalten.

Der erste Tag der Messe ist inzischen längst der Sonntag. Da haben die Hallen eigentlich noch geschlossen, aber es finden bereits allerlei Veranstaltungen statt, zum Beispiel eine zum Thema „Firefox OS“.

Erste Prototypen von Geräten mit diesem neuen Betriebssystem wurden mir schon letztes Jahr in Barcelona gezeigt, und schon damals sagte ich diesem Experiment eine glänzende Zukunft voraus. Dieses Jahr sieht man viel klarer und das Angebot ist bestechend: Das ganze Betriebssystem ist im Prinzip ein Browser, auf dem kleine HTML-Programme laufen, was „relativ einfach“ zu programmieren ist und eine Menge interessanter Applikationen erwarten läßt.

Die Mobilfunkindustrie heißt Firefox OS mit offenen Armen willkomen. Aus zwei Gründen: In den sogenannten „aufstrebenden Märkten“ wie Afrika, Lateinamerika oder Asien sind preiswerte Smartphones gefragt, Preise von 100 Euro oder mehr pro Gerät sind dort schlicht und einfach unerschwinglich. so könnte ein Firefox-Handy eines Tages für 50 Euro Kaufpreis zu haben sein. Zum Start gibts in Europa das erste Firefox Handy bei der Telekom erst einmal für 100 Euro und zunächst nur in Polen, aber keine Sorge, die Geräte werden wenige Tage später auch hierzulande auftauchen, entweder, weil Fans und Freaks auf private Einkaufstour gehen oder weil findige Distributoren sich die Geräte selbst ins Land holen.

Am Montag morgen startete der Kongress mit endlos langen Schlangen vor den Eingängen der Messehallen, doch die Verantwortlichen hatten das Problem mit „Fast Track“ recht gut gelöst. Und wer schon ein Mainstream NFC-Handy sein eigen nennen konnte, konnte sich an eigenen Eingängen mit der neuen Technik auf der Messe einchecken. Alle andern Besucher hatten sich im Internet ein Check-In Formular mit einem QR-Code ausgedruckt, an unzähligen Schaltern wurden diese gescannt, Eintrittskarten und eine Tasche für die zu erwartenden Prospekte oder USB-Sticks ausgehändigt und los gings.

Die Halle 1 war einigen Meetingräumen und Entspannung vorbehalten, in Halle 2 stieß man schon auf die großen der Branche wie den Netzausrüster Ericsson (später dazu mehr) und in Halle drei traf man auf gute alte Bekannte, wie (etwas versteckt) die Deutsche Telekom oder gut sichtbar die spanische Telefonica , die Muttergesellschaft von Telefonica Germany was wir eher unter der Marke „o2“ kennen. Telefonica demonstrierte erste Handovers von 3G nach WiFi (WLAN) oder ein Sprachanruf mit VoLTE im LTE-Netz. Geräte zeigte beispielsweise LG, während eines Telefonats kann man noch ein Video zu oder weg schalten und gemeinsam ein Bild malen oder Dokumente durchsprechen oder von einer Stelle zur anderen laden oder verschicken. Bis VoLTE in Serie geht, soll es nicht so lange dauern, nächstes Jahr könnte es los gehen.

Neben Nokia (ja es gibts sogar noch Finnen am Stand, die in ihrem kernig kehligen englisch die neuen Modelle erklären), fand man Motorola (was haben die eigentlich gezeigt?) und Samsung, die beim 8 Zoll Tablet angekommen sind, mit dem man auch noch telefonieren können soll. Wer hält sich ein Schulheft (20 cm Diagonale) ans Ohr? Ach ja, des gibt auch Headsets. 🙂

Der Netzausrüster Alcatel Lucent zeigte mir einige seine Entwicklungen, bei Nokia-Siemens wurde mein Weltbild von Netzwerktechnik auf den Kopf gestellt, bei Ericsson bereitet man sich schon intensiv auf die Tage nach dem Ende GSM vor. Ansonsten lautet die Zauberformel Integration von 2G, 3G, 4G und WiFi, ohne daß der Kunde etwas davon merken soll.

Schauen wir uns den Stand der Deutschen Telekom genauer an. Hier gings um Partnerschaften, man ist zu der Erkenntnis gelangt, daß man in diesem turbulenten Markt nur mit Partnern etwas bewegen kann, alleine ist es kaum zu schaffen. Die vor einiger Zeit noch verteufelten Over the Top (OTT)-Player werden daher jetzt umarmt. Die Telekom ließ von einer Tochter ihrer Denkfabrik T-Labs in Berlin eine App entwickeln, die eine Mischung aus Whatsapp, Yuilop oder Pinger darstellt und als „White Label Product“ vermarktet werden soll. Zielgruppe sind Unternehmen mit eigener Marke und Botschaft, die ihren Kunden etwas gutes tun wollen: Vielleicht ein Kaufhaus oder eine Schnellrestaurantkette, konkrete Absichten scheint es mit dem Telefonhersteller „Gigaset“ und der Lufthansa zu geben. Die App kann Telefongespräche (via VoIP auf UMTS/HSPA oder LTE oder WiFI/WLAN) vermitteln, der Kunde kann mehrere Rufnummern bekommen, die nicht unbedingt aus dem Mobilfunk, sondern auch aus dem Festnetz und aus dem In- und Ausland kommen können. Man kann geschlossene Nutzerkreise einrichten (die Nutzer bleiben unter sich) oder den Kunden auch das „Hinaustelefonieren“ in andere Netze gestatten, nicht gegen Sammelpunkte durch wilde PR-Aktionen, sondern gegen Cash aber „sehr günstige Tarife“. Da jeder Markeninhaber sich so eine App zurechtschnitzen lassen kann, wird es eine kunterbunte Vielfalt geben und die kostenlose Kommunikation bleibt auf die jeweiligen Markengruppen beschränkt. Ob und wie sich das im Markt durchsetzen wird, muß man sehen.

Einen andern Ansatz verfolgt „RCS-e“, besser bekannt als „Joyn“. Nach intensiver Entwicklungsarbeit, scheint es jetzt soweit lauffähig zu sein, daß man in kurzer Zeit (schon ab Montag zur CeBIT?) loslegen könnte. Wir sind mal gespannt. Bei Vodafone gibts nach wie vor nur die Beta-Version zum Download, bei der Telekom wurden die vorzeitig im Internet aufgetauchten Download-Seiten erst einmal wieder abgeklemmt.

Ein weiteres Spinoff der Telekom-Forscher will Android stabiler und vor allen Dingen sicherer machen. Was sich BlackBerry bei seinem „Dua persona“ System namens „Balance“ nicht getraut hat, nämlich als Unterbau das weit verbreitete Betriebssystem Android zu verwenden, stellt die Tochterfirma „Trust2Core“ vor: Indem die Anwender in Sandboxen gesperrt werden, wo sie nur das dürfen, was der Admin erlaubt und mehr nicht. Viren und Malware müssen draußen bleiben. Was dazu führt, daß draußen vor der Tür eine Gruppe Jugendlicher gegen Kaspersky demonstrieren, wo sie „Freiheit für Hacker“ fordern.
Vermutlich war es eine originelle Guerilla-Werbe-Aktion, die am Ende der Firma Kaspersky zu gute kommen soll. Ja werbetechnisch haben es die Russen voll drauf, aber im praktischen Einsatz auf meinen PCs übersah deren Paradepferd zunächst auch die eine oder andere tagesaktuelle Malware, seitdem setze ich wieder Avira ein, aber das nur mal am Rande.

Am Ende der Halle 3 ist die Connected City der GSMA zu finden. Eine kleine Stadt, wo in Häusern und Buden, in Werkstätten und Läden aufgezeigt wird, was man mit richtiger Datentechnik alles anstellen kann. Nehmen wir den Hamburger Hafen zum Beispiel. Der Warenverkehr wächst und wächst und immer mehr Container sollen immer schneller vom Schiff heruntergeladen und auf den richtigen LKW ans richtige Ziel verladen werden, da braucht es viel Software und Big Data, um alle Container richtig zuordnen und den Lastern einen Parkplatz zuweisen zu können.

Der Dienstag stand voll mit Terminen. Zunächst ein Besuch bei der Firma Amdocs (da werde ich mich noch ausführlicher zu äußern) Dieses Unternehmen liefert die Software zwischen Sendestation und Kunde und davon bräuchte die Branche eine ganze Menge. Die Ideen sind toll: Am liebsten komplett flexible Tarife, die sich permanent ändern können, weil der Kunde nach Lust und Laune Minutenpakete, oder Sportminuten oder Filmpakete oder Datenmengen buchen und wegbuchen kann und wenn er Lust auf Shopping hat, dann soll er das über das Handykonto gleich Schuhe, ein Auto oder eine Urlaub bestellen und bezahlen. Die Software soll es ermöglichen, daß der Kunde immer optimal betreut wird, egal, ob er an seinem Handy am PC im Internet oder am Telefon mit der Service-Hotline verhandelt. Wie weit sich das in der Realiät umsetzen läßt, wird man sehen.

Die Firma Giesecke und Devrient kennen Sie bestimmt, denn sie hat die Lizenz zum Gelddrucken, nein das ist nicht ironisch sondern ganz ernst gemeint. G&D wie der Name abgekürzt wird, druckt die Geldnoten der Bundesbank und beschäftigt sich mit Sicherheit, beispielsweise mit SIM-Karten, wie sie in unsern Handys sind, oder mit EC-Karten, Kreditkarten und und und, aber als regelmäßíger Blog-Leser wissen Sie das sicher längst. In Barcelona wurde beispielsweise die „Software SIM-Karte“ erklärt. Sie haben einen Handyvertrag bei Telekom, Vodafone, E-Plus oder o2 oder mehrere davon und jedes Mal müssen Sie die SIM-Karte wechseln. Da wäre es doch einfacher, die neue SIM-Karte per Software herunterzuladen? Auch bei diesem Verfahren gehts natürlich nicht ohne Plastik-Chipkarte, doch die könnte dann von ihrem Auto- oder Handy-Hersteller kommen oder von ihrem Telefonladen oder Service-Provider. Bei Bedarf laden sie Sich dann eine andere „Karte“ mit neuer oder alter Rufnummer herunter und können so flexibel die jeweils besten Tarife nutzen oder von denen sie glauben, daß sie besten Tarife für sie darstellen. Apple wollte das eigentlich schon längst eingeführt haben, aber die Mobilfunknetzbetreiber wehren sich mit Kräften dagegen. Man stelle sich vor: Verträge mit tagesgenauer Kündigungsfrist: Wenn ein Hotliner unfreundlich, die Rechnung unverständlich oder eine Sendestation ausgefallen ist, wird sofort gewechselt. Auf den ersten Blick ein Alptraum.

Bei M2M Kommunikation, also von Maschine zu Maschine wo es um lokale günstige Tarife gibt, arbeiten die Netzbetreiber bereits zusammen und haben ein Projekt aufgesetzt, wo solche weichen SIM-Karten möglich sind. Bis das beim Endkunden auf seinem Telefon ankommt, wird es noch gewaltig dauern.

Was Handys nicht mögen, ist Feuchtigkeit. Die Firmen P2i und DryWire versuchen – unabhängig von einander – in einer Art Mikrowellen-Ofen die frischen Platinen der Handy-Produktion wasserfest zu machen, sonst gehen die guten Stücke viel zu schnell kaputt.

Ein Rundgang am Stand von Nokia Siemens stellte mein Weltbild auf den Kopf: Bisher bestand ein Netz aus vielen Basisstationen, die strohdrum alles nach oben an die Zentrale weiter reichten oder von dort über verschiedene Zwischenstufen ihre Befehle und Informationen empfingen. Jetzt kommt die Intelligenz wieder näher an die Basissation dran, lokale Informationen, die nur lokal interessant sind, werden gleich vor Ort gespeichert. Man kann sich leicht vorstellen, welche interessanten neuen und bestehende Geschäftsmodelle hier möglich werden könnten.

Die Firma Wildtangent aus den USA hat eine Spieleplattform entwickelt und sich mit Sony verbündet. Deren Präsident Sean spricht so schnell, daß ich vermutlich nicht alles mitbekommen habe. Er hat seine Büros in Redmont im Bundesstaat Washingten und ist nicht weit vom Hauptquartier von Microsoft entfernt. Seine Software läuft aber auf Androiden und iOS und weitere Systeme werden folgen.

Ein Besuch bei Golla darf nicht fehlen, das finnische Unternehmen entwirft bunte und praktische Taschen nicht nur für Handys und Tablets, sondern auch für Kameras und was man sonst noch so mit sich herumträgt. Selbstverständlich gibt es passgenaue Modelle für die Hits der Branche wie die verschiedenen Apple-Produkte oder die Galaxy Handys von Samsung und es gibt Modelle, die auf die Diagonalmaße der Bildschirme zugeschnitten sind. Golla Taschen machen einen stabilen Eindruck und sind auch nicht unbedingt teuer, falls noch jemand ein Geschenk zu Ostern, zum Geburtstag oder Weihnachten sucht.

Zu Beginn fand ich die Messe zu groß und zu unübersichtlich, aber am alten Standort wäre es auf die Dauer nicht weitergegangen. Man mag sich fragen, ob man Messe und Kongress nicht trennen sollte, weil vor lauter Schauen an den Ständen wenig Zeit für die echt hochkarätigen Gespräche und Vorträge auf dem Kongress bleibt. Barcelona ist in Sachen Mobilfunk weiterhin die Leitmesse, hat aber Konkurrenz durch die CES in Las Vegas (im Januar), die Messe CeBIT in Hannover wird es immer schwerer haben, dagegen noch anzukommen, zumal außer Telekom und Vodafone kaum noch Mobilfunker vor Ort sind. Ich halte das für einen schweren Fehler. Denn: Auf die CeBIT können auch interessierte Endkunden und Multiplikatoren kommen, Barcelona bleibt den internationalen Fachbesuchern vorbehalten, anders ließe sich das zu erwartende Besucheraufkommen auch gar nicht handeln.

Immerhin: An der S-Bahn-Station Europa-FIRA hatte Samsung einen Infostand aufgebaut, freizugänglich für Jedermann und in der Stadt gibts auf Wunsch der GSMA Organisation eine ganzjährige für Jedermann zugängliche Austellung. Barcelona ist eine Reise wert.

A propos Reise: Ich bin dieses Jahr mal mit Ryan Air geflogen. Wer damit kein Problem hat, auf abgelegenen Flughäfen mit minimalistischem Service zu starten oder zu landen, kann sich an relativ günstigen Preisen erfreuen. Die Schattenseite: Persönliche Beratung vor Ort gibt es nicht. Will man telefonisch etwas ändern, sollte man sich gut auskennen, wie man die teilweise aus dem „falschen Land“ nicht erreichbaren Rufnummern doch erreicht oder man spricht auch die Landessprache des besuchten Landes fließend. Es ist wie bei Mobilfunkdiscountern. Sie haben mit günstigen Preisen den Mobilfunk demokratisiert. Aber das große Risiko bleibt: Daß die Preise in einer Spirale nur nach unten gehen sollen und das drückt dann irgendwann auf die Gehälter der Mitarbeiter, sofern noch überhaupt welche angestellt werden.

Mehr demnächst.

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