Gezeitenwechsel…

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Gezeitenwechsel bei den Tarifen

Gezeitenwechsel bei den Tarifen?

Lange Zeit kannten die Tarife nur eine Richtung, nach unten. Im Mobilfunk sind wir Anfang der 1990er Jahre mit Preisen um 1 Euro pro Minute gestartet, heute kann laut Tarifliste für 5 Cent / Minute, rechnerisch mitunter auch noch günstiger mobil telefoniert werden. Früher haben wir eine monatliche Grundgebühr bezahlt, die auch fällig wurde, wenn der (mobile oder feste) Anschluß nicht genutzt wurde, heute haben wir Flatrates, die oft gar nicht so „flat“ sind, wie sich das anhört.

Gleichzeitig verändert sich das Nutzungsverhalten. Früher haben Sie vielleicht nicht so viel mobil telefoniert, weil es teuer war, heute ist das Gequatsche trotz Flatrate irgendwie out. Viele Leute erreicht man kaum noch, weil sie gerade mit andern Dingen beschäftigt sind, vielleicht meldet sich eine Mailbox, auf die man sprechen kann, vielleicht auch nur eine (kostenpflichtige?) Ansage, daß der Teilnehmer nicht erreichbar sei, es werde ihm aber vermutlich eine SMS geschickt, die dieser vielleicht liest und dann zurückruft?

Schau ich ins Telefonbuch, finde ich meine Gesprächspartner, die ich längere Zeit vernachlässigt hatte, nicht mehr, denn sie stehen nicht mehr drin! Verzeichnisse mit E-Mail Adressen hat es ganz Anfang mal gegeben, sie waren eine Einladung an Spammer. Heute muß man die e-mail Adresse wissen oder im Idealfall auf der Homepage, sofern der Adressat eine hat, hoffen, eine funktionierende e-mail Adresse zu finden.

Gestiegen ist die Datenmenge. Kurznachrichten, anfangs belächelt, später geliebt, anfangs als „SMS“ zu 15 Pfennig (7,5 Cent), das Stück in „fremde Netze“ dann für 39 Pfennige (19 Cent), heute oft inklusive im Rahmen einer Flatrate, aber die SMS hat bei vielen Nutzern ausgedient. Sie texten lieber per Whatsapp, Facebook irgendeinem anderen Medium oder gar per e-mail.

Gestiegen sind die Datenmengen, weil es heute kein einfacher Text, sondern mindestens ein Bild oder besser ein kleines Video sein soll. Da kommen in wenigen Minuten schon einige zig MB oder GB zusammen.

Für Daten, das haben wir gelernt, brauchen wir einen Datentarif. Am besten eine Flatrate, die möglichst nicht viel kosten soll, für 4,95 Euro bekommt man theoretisch schon eine. Genau hinschauen, das sind nur eine Handvoll MB, danach wird die Geschwindigkeit gedrosselt, aber die Gefahr des Rechnungskostenschocks ist gebannt.

Im Festnetz zahlen wir vielleicht noch Grundgebühren, sofern wir nicht auf eine Flatrate umgestiegen sind und die war bisher – so schien es zumindestens – wirklich flat. Eine Flatrate ist eine Art Wette, daß die Leute nur eine gewisse Menge Daten brauchen und nur wenige Power-User etwas mehr konsumieren, das kann man kalkulieren.

Wo aber die Grenzen zwischen privater und beruflicher Nutzung verschwimmen, wo geschäftliche Nutzer schon deswegen einen Privat-Tarif abschließen müssen, weil sie dem „Geschäftskundenvertrieb“ zu unattraktiv erscheinen, steigen die Datenmengen und steigen, nur die Einnahmen bislang nicht.

Wer sich an die Anfange der Datenfernübertragung erinnert, damals bei Compuserve, FIDO, MSN oder AOL, der erinnert sich an analoge Modemverbindungen, die nach Verbindungsdauer abgerechnet wurden. Die Einführung von Flatrates im Festnetz brachte dem Kunden Freud und Leid zu gleich, denn jetzt waren die Leitungen permanent belegt, weil keiner mehr auflegen wollte, sonst wäre ja belegt gewesen, wenn man später nochmal hinein gewollt hätte. Die Netze wurden hochgerüstet, selbst Silvester verlor seine Schrecken.

Im Mobilfunk fand datenmäßig zunächst das gleiche Drama statt. Mehr Daten, mehr Belastung, mehr Störungen.

Gesunkene Preise: „Alles-dran-und-drin-Flatrates“ haben bei den Nutzern Gefallen gefunden, man ist bereit 20-30 Euro im Monat für eine „Flatrate“ auszugeben, die möglichst schnell und überall verfügbar sein soll.

Wenn der Preis gut ist, darf das Netz auch mal wackeln, wird es zu wild, dann wechselt man zu einem anderen „besseren“ Netz , das darf dann sogar 5-10 Euro im Monat mehr kosten. Vielleicht noch etwas mehr?

Die Deutsche Telekom hat sich in den letzten Jahren am Marken- und Preiskrieg kaum beteiligt, nach einem Tiefschlag durch einen verlorenen Netztest man baute lieber das Netz richtig aus und steht seitdem auf der Siegerliste verschiedener Netztests, von Connect über Chip bis hin zur Stiftung Warentest. Das war anspruchsvollen Kunden bislang 5-10 Euro im Monat mehr wert. Vielleicht noch etwas mehr?

Keine Frage: Die All-Net-Flatrates für 20-30 Euro haben ihren Reiz und mancher Kunde wartete sehnsüchtig auf genau solche Preise bei der Deutschen Telekom. Auf der andern Seite erwartet der Kunde von der Deutschen Telekom, daß sie ihn flächendeckend bis ins letzte Bergdorf mit Telefonie und Internet versorgt, denn Telekom ist in den Augen vieler Kunden immer noch die gute alte „Deutsche Bundespost“, die einst den gesetzlichen Versorgungsauftrag hatte. Sie soll also bitteschön flächendeckend Glasfaser ausrollen, Handysender aufstellen aber zu Preisen von 20-30 Euro im Fest- oder Mobilnetz für flächendeckende Versorgung sorgen. Und dann noch zack zack!

Nur: Das tun sie nicht!

Der Glasfaserausbau passiert im Schneckentempo. Gewiss, der bundesweite flächendeckende Ausbau könnte bundesweit so runde 80.000.000.000 (80 Milliarden Euro) kosten. Das könnte ein Staat, der jedes Jahr viel Geld für Autobahnen, Umgehungsstraßen, Wasserstraßen, Bankenrettungen usw. usw. ausgibt, vermutlich stemmen, wenn es denn politisch gewollt wäre. Ist es aber derzeit mehrheitlich nicht.

Stattdessen haben wir Wettbewerb, der im wesentlich darin besteht, daß die Wettbewerber der Telekom lautstark nach möglichst günstigen Einkaufspreisen rufen und dicke Tränen weinen, wenn Bundensetzagentur oder die Telekom ihre Preise in der Vergangenheit ab und zu doch einmal gesenkt hat.

Und jetzt macht die Telekom etwas ganz „Schlimmes“:

Im Mobilfunk führt sie neue Tarife ein. Es gelang ihr, diese neuen Tarife bis wenige Stunden vor dem offiziellen Termin völlig geheimzuhalten, in dieser „geschwätzigen“ Branche schon eine kleine Sensation!

Die neuen Tarife sehen auf den ersten Blick gut aus, auf den zweiten vielleicht auch, wer sich aber an mobiles Internet gewöhnt hat und eine mobile Telefonie/SMS-Flatrate zusammen mit – sagen wir mal 5 GB an ungebremsten Daten beziehen will, wird künftig mit 99,95 Euro pro Monat zur Kasse gebeten, immerhin inklusive neuem Handy. Wem das viel zuviel ist, bekommt für 20 Euro im Monat ein einfaches „Smartphone“ und nach 50 Minuten und 50 SMS muß jede Folge-Minute für 29 Cent berappt werden nach 100 MB Datenmenge wird das Tempo gebremst.

Der ultimative Power-Telefonierer darf 149 Euro im Monat ausgeben, dafür macht die Telekom ihr Füllhorn auf: Eine Flatrate für Sprache und SMS in alle Netze in Deutschland (natürlich ohne Sondernummern), 20 GB an Daten, Mobiles Telefonieren via VoIP (wenns denn sein muß), 1000 Minuten für Anrufe mit Ziel im Euro-Ausland, 1000 SMS und 250 Minuten im EU-Ausland und jedes Jahr ein frisches schickes Handy dazu.

Damit nicht genug: Jetzt kommt auch die Festnetz-Telekom und schwingt die Tarifkeule. Nachdem man anfangs mühsam und später bei der Jugend erfolgreich das komplette Leben im Netz mit TeraBytes von Up- und Downloads propagiert hat, werden künftige Neukunden bei monatlichen 75 GB Datenverbrauch erst mal auf 384 kB/s gedrosselt. Das ist für Gelegenheitsnutzer völlig problemlos. Wer brav seine Windows-Updates zieht, seine e-mails liest und verschickt, die wenigen Urlaubsbilder ins Netz hochlädt, braucht keine Bedenken zu haben.

Wer Fernsehen übers Internet schauen will, muß schon eher aufpassen. Logisch: Die TV-Programme der Telekom via Internet besser bekannt als „Entertain“ und was da künftig von Big-T noch kommen mag, sind vom Datenlimit ausgenommen. Die böse Konkurrenz, die sich im Netz (der Telekom) bislang dumm und dusselich verdient haben soll, ohne der Telekom auch nur irgendetwas abzugeben, sei es YouTube, Maxdome, Lovefilm oder wie sie alle heißen mögen, die werden jetzt auf das Limit angerechnet. Ein paar hochauflösende Filme im Monat und der Datenvorrat wird aufgebraucht sein. Und die hoch geschätzte „Netzneutralität“ ist damit auch dahin. Was wäre uns die echte Netzneutralität denn wert?

Selbst wenn die Drossel auf 384 kB/s zugeschlagen hat, besteht noch kein Grund zur Panik. Einfache e-mails lesen und verschicken geht mit 384 kB/s immer noch problemlos, auch das Surfen auf normalen Seiten, die nicht allzuarg mit Multimedia überfrachtet sind. Doch die Anfänge sind es, gegen die sich viele wehren möchten. Nur wie?

Klar, daß Vodafone, Versatel, Ewe-Tel, M-Net, Kabel-Deutschland UnityMedia-KabelBW, Telefonica-o2 und wie die Konkurrenten der Telekom alle heißen mögen, im Moment unisono beteuern, wir drosseln nicht. Daß 1&1 ne Drossel längst im Festnetz eingebaut hat, wird akzeptiert, solange deren Angebote unter 20 Euro/Monat bleiben.

Doch wie lange werden die „Privaten“ standhaft bleiben? Auch sie ächzen unter hohen Kosten und geringen Einnahmen.

Hätte die Telekom mit ihrer rechnerischen Preiserhöhung Erfolg, wollen die anderen davon gewiss abhaben. Hat sie damit keinen Erfolg, bleibt die Frage, ob die Privaten überhaupt den Ansturm enttäuschter T-Kunden verkraften könnten. Schon heute gibt es bei vielen Wettbewerbern endlose Wartezeiten, wenn man es wagt, „zurück zur Telekom“ zu wechseln oder nur eine einfache Frage an die Hotline stellen möchte. Den Gang in den Laden scheuen die Kunden aus Angst, mit neuen Optionen und Tarifen für die nächsten 2 -3 Jahre malträtiert zu werden.

Lange Rede kurzer Sinn:

Die Schlaraffenlandzeiten mit supergünstigen Tarife und viel Inhalt für wenig Geld könnten ihrem Ende zugehen. Maximale Datenmengen für minimales Geld – das wird auf die Dauer nicht gehen.

Doch die Telekom muß aufpassen:

Wenn sie mit den geplanten Drosselgrenzen ihr Kunden bis ins Mark erschreckt, könnten die ihr Nutzungsverhalten ändern. Gewiss, es wird weiter telefoniert, ge-sms-t und auch ge-whatsappt. Aber meine Filme oder Musik lade ich dann halt nicht mehr im Netz runter, sondern gehe in ein Livekonzert oder ein Kino oder wieder tausche von Angesicht zu Angesicht per USB-Stick oder Festplatte oder kaufe mir – sofern es sie noch gibt – eine CD im Laden.

Fernsehen kann ich noch per Satellit oder mit etwas glück sogar „terrestrisch“ schauen, aufnehmen auch.

Datenspeichern kann ich in der Cloud oder auf einer externen Festplatte, die steht bei mir zu Hause und belastet mein monatliches Datenkontingent nicht.

Das Konzept der Telekom, den Preisverfall zu stoppen und steigende Einnahmen zu generieren, könnte nur dann funktionieren, wenn man die Zielrichtung klar und verständlich seinen Kunden kommuniziert: Was kostet die Minute, was kostet das GigaByte? Was ist in meinem Paket wirklich drin, wie geht es danach weiter?

Das frisch verdiente Geld muß dann in Kundenservice (durch echtes geschultes und motiviertes Personal) und fühlbare Netzqualität (ausreichend Bandbreite und genügend Anschlußpunkte in der Fläche (egal, ob via Funk oder Kabel) investiert werden. Sparen beim Service und weitere Reduktion oder Auslagerung beim Personal bei gleichzeitigen Preiserhöhungen kommt gar nicht gut an.

Aber auch die Kunden sollten sich den Plan X zurecht legen. Was muß ich haben, was brauch ich wirklich? Welches Budget kann oder will ich im Monat ausgeben? Gibt es Alternativen zu meinem bisherigen Anbieter? Wieviel Service brauche ich, was tue ich, wenn mich mein Wunsch-Anbieter im Regen stehen läßt? Wie schnell kann ich wechseln oder alternative Nachrichtenwege nutzen?

Eine kreative Möglichkeit wäre es, wenn viel mehr Telekom Kunden deren Aktien kaufen würden. Telekom-Aktien! Dann hätten Sie einen Anteil am Unternehmen und würden viele Dinge bestimmt „anders“ sehen. Übrigens: Bei der in Kürze stattfindenden Jahreshauptversammlung haben Aktionäre Rede und Antragsrecht 🙂

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7 Antworten to “Gezeitenwechsel…”

  1. sven Says:

    „Selbst wenn die Drossel auf 384 kB/s zugeschlagen hat, besteht noch kein Grund zur Panik. Einfache e-mails lesen und verschicken geht mit 384 kB/s immer noch problemlos, auch das Surfen auf normalen Seiten, die nicht allzuarg mit Multimedia überfrachtet sind.“

    Die Zeiten sind ja wohl vorbei. Heutzutage ist 1000er-DSL schon zäh beim Websurfen. Klar geht es, klar haben wir früher länger gewartet – problemlos ist es aber nicht über 384 kBit/s wenn man sich mal anschaut wie groß sowas wie die Spiegelstartseite ist.

  2. RBrosowski Says:

    Ich denke, eigentlich geht es um etwas anderes: die Telekom und andere grössere Carrier sind es leid, nur noch Datenschiebestation zu sein.

    Beim DSL sieht man es deutlich: die eigenen Produkte die VoIP oder Entertain sind nicht von der Datenbremse betroffen. Die können rund um die Uhr laufen.

    Damit wird langsam aber sicher die Netzneutralität aufgehoben. Denn jetzt kann die Telekom, sofern andere Anbieter mitziehen, ja die Hand aufmachen:

    Mals aus der Luft gegriffen: Youtube? Wieviel seit ihr bereit zu zahlen, damit wir eure Daten nicht zu den 75 Gigabyte zählen?

    Ob sich die Telekom mit solchen Aktionen einen Gefallen tun, wird der Markt zeigen. Dass nun ein Bigplayer so einen Schritt macht, ist schon erstaunlich. Wenn andere mitziehen, wird es richtig spannend. Denn auch die werden dann „Ausnahmen“ einführen. Es wird spannend.

  3. Max Says:

    Guter Artikel Henning. Besonders der letzte Absatz ist wichtig: diese Preiserhöhung sollte für den Kunden auch bessere Qualität bringen! Höhere Preise ok – aber dann bitte auch einen besseren Netzausbau via Fiber und co.
    Nur wäre es vielleicht auch für die Politik mal an der Zeit, die Regulierung zu überdenken und Investitionen attraktiver zu machen…

  4. sven Says:

    Ein schöner Screencast zur Ilustration wie surfen mit 384 kBit/s aussieht: https://www.youtube.com/watch?v=wKyiGoeCYX

    Ja, die Telekomseite wird natürlich nicht geshaped werden, und ob das Shaping der Telekom in Zukunft so sauber funktionieren wird oder so problematisch wie im Mobilfunk ist eine andere Frage.

  5. Steffen Says:

    Die Drosselung sollte eigentlich noch höher ausfallen als nur auf 384 kBit/s, vielleicht bekommt man dann endlich mal wieder richtig programmierte Webseiten.

    Wenn ich mir den heutigen Informationsgehalt pro übertragenem Bit ansehe und das mit der Zeit vergleiche, als ich mit dem Modem mit 28800 Baud im Internet unterwegs war, dann wird mir ganz anders.

    Aber scheinbar fährt man heute halt mit dem Panzer zum Brötchenholen.

  6. Smartchecker Says:

    Ich finde auch das die Drosselung höher ausfallen sollte. Denn sonst kann man kaum noch surfen. Bei meinem Mobilfunktarif merke ich es deutlich. Denn auch hier gibt es eine Begrenzung. Echte Flatrates gibt es leider kaum noch.

    • hrgajek Says:

      Hallo,

      Drosselung höher bedeutet also noch geringere Geschwindigkeit im Drosselfall.
      Ich stecke in der verwendeten Technik nicht so drin, meine aber das so verstanden zu haben, daß nicht wirklich gedrosselt wird, sondern einfach „Null-Bytes“ dazwischen geschoben werden, daß am Ende alles „langsamer“ wird. Einige Systeme mögen aber die Wartezeiten auf „Nutzbytes“ nicht und brechen dann ab.

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