Telekom gewinnt Netztest, aber…

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Soeben meldet der Presseticker, die Deutsche Telekom „verteidigt Spitzenposition im härtesten Netztest Deutschlands“. Getestet wurde das Festnetz durch die Fachzeitschrift „Connect„. Dazu erst einmal meinen allerherzlichsten Glückwunsch. Diesen Preis hat sich die Telekom redlich verdient, wenn ich auch noch einiges „Verbesserungspotenzial“ sehe….

Wartungsarbeiten an einer E-Plus Antenne (Foto E-Plus-Gruppe)

Antennenmontage (Foto: E-Plus-Gruppe)

Wohlverstanden: Bei diesem Test ging es nicht um Mobilfunk, sondern um das Festnetz, die Zeitschrift „Connect“ hat sich das Festnetz der Deutschen Telekom und ihrer privaten Mitbewerber vorgeknöpft. Ganz klar: Die Telekom hat hier allerbeste Startvorteile aus der Vergangenheit, sie besitzen und betreiben das flächendeckendste Festnetz, verschiedene private Anbieter sind ihnen auf die Pelle gerückt, aber alles in allem bleibt die Telekom verdientermaßen Testsieger.

Echte Konkurrenz können nur die Kabel-TV-Anbieter bieten, die im Grunde genommen ein ehemaliges Telekom Netz betreiben, auch wenn sie das teilweise gewaltig aus- und umgebaut haben. Bei der Sprach-Telefonie kommen die Kabel-TV-Anbieter der Telekom schon gefährlich nahe oder sind gleichauf, aber beim Datenverkehr zeigen sich dann doch die Unterschiede.
Nach der Tabelle liegt Telekom mit 226 Punkten bei Sprachtelefonie vorne, bei Daten „gewinnt“ Unitymedia, ein in Hessen und Nordrhein-Westfalen regional tätiger Kabel-TV-Anbieter mit 244 Punkten.

Dieser Vergleich hinkt, denn Unitymedia ist nur regional aktiv und kann insbesondere an den Stellen punkten, wo die Telekom noch keine DSL-via-Kupfer (DSL, VDSL) oder Glasfaser („Fiber“) Leitungen verlegt hat. Der Ausbau kostet halt viel Geld und dauert seine Zeit. Wenn aber schon ein anderer Anbieter vor Ort ist, gehen die Kunden halt dorthin. Wer könnte es ihnen verübeln?

Der Gewinn des Netztests zeigt ganz klar, dass man sich auf einem bestehenden Netz nicht ausruhen kann und darf, sondern das bestehende Netz permanent warten und modernisieren muss, was Geld kostet, egal, wer es betreibt oder den Kunden verkauft. Das hat die Deutsche Telekom verstanden und die Ankündigung, 30 Milliarden Euro in das Netz zu stecken, hat sogar den Börsenkurs beflügelt. Da ist Bruno Jacobfeuerborn, Geschäftsführer Technik der Telekom Deutschland GmbH auf dem absolut richtigen Weg: „Unsere Anstrengungen haben sich hier bezahlt gemacht.“

Die deutschen Netzbetreiber sahen sich im aktuellen Test mit verschärften Bedingungen konfrontiert. Unter hohem technischen Aufwand stellten die Tester in insgesamt 26 Städten bundesweit Sprachversorgung und Sprachqualität sowie den Datentransfer der deutschen Festnetze auf den Prüfstand. Im Zeitraum von Mai bis Juni wurden rund um die Uhr etwa 1,6 Millionen Messungen durchgeführt und analysiert.

Dabei haben die Tester auch die IP-basierten Anschlüsse der Netzbetreiber genau unter die Lupe genommen. Die Geschwindigkeit beim Aufbau der Gespräche liegt sogar über den bereits hervorragenden Werten des Referenznetzes, der Messlatte für alle Wettbewerber im Test.

Bei der Datenübertragung bescheinigen die Tester der Telekom „sehr gute Ergebnisse sowie eine hohe und stabile Rundumperformance“. Die Telekom lieferte übrigens die schnellsten Ping-Zeiten.

Connect hat stichprobenartig die LTE-Versorgung unter die Lupe genommen. Schließlich bietet sich in Regionen ohne DSL-Anschluss LTE als Alternative zur Versorgung an.

Festnetz goes Mobilfunk und da gibts noch Löcher

Mit LTE sind wir mitten im Mobilfunk und seinen Funklöchern. Bei aller Freude und Begeisterung über den Testsieg, gibt in Deutschland noch viel zu viele Funklöcher, wo rein gar nichts geht, gar nichts. Kein GSM, kein UMTS und schon gar kein LTE. Das ist nicht unbedingt die tiefste Provinz, das sind auch vielbefahrene und bewohnte Gegenden mit dabei. Dann gibt es Flecken, wo die privaten Konkurrenten von Telekom Mobilfunk (D1) bereits Netz haben, Telekom aber immer noch nicht.

Das sollte und darf so nicht sein.

Süddeutschland, beispielsweise Bayern oder Baden-Württemberg schein ein Sorgenkind bei Telekom D1 zu sein.

Schaut man sich in diversen Foren um, so tauchen Namen wie 96129 Strullendorf (Landkreis Bamberg, Bayern) auf, oder die Region „nördlicher Kraichgau„, wo es zwischen 74889 Sinsheim (Elsenz) hinüber nach Hirschhorn (Neckar) einige Funklöcher gibt, die so nicht sein müßten, zumal o2 beispielsweise hier (fast) immer Netz liefert. Wenn ein touristisch gut erschlossener Ort wie 69434 Hirschhorn in der wichtigen Ortsdurchfahrt fast bis gar kein Telekom D1-Netz bietet, 20 Jahre nach dem Start des GSM-Mobilfunks, kommen die Kunden ins Grübeln oder wechseln zu andern Anbietern, die dann wenige Kilometer weiter auf ihre Art „versagen“, oder soll der Kunde mit 2-3 Handys in der Tasche auf die Reise gehen? (Wie koppelt man eine Freisprecheinrichtung an 2 Handys gleichzeitig?)

Nehmen wir die Schwäbischen Alb oder den Schwarzwald. Gewiss, es sind kleinere Orte mit oft nur 500-2000 Einwohnern, doch selbst E-Plus versorgt da teilweise schon seit 10 Jahren, wie Betroffene berichten. Ein wunderschön gelegenes Hochtal im Schwarzwald (79215 Biederbach) wird exklusiv von Vodafone versorgt, die andern Netzbetreiber schauen bis dahin auf „Kein Netz“ im Display, ich war selbst schon vor Ort. Die B500 (Schwarzwaldhochstraße) ist wirklich kein abgelegener Ort, außer in Sachen Netzversorgung, da reiht sich Funkloch an Funkloch.

Selbst südlich von der dichtbesiedelten Landeshauptstadt Stuttgart im sogenannten „Schönbuch“ auf der Strecke von Böblingen (Daimler, Porsche) nach Tübingen, genauer zwischen Dettenhausen und Bebenhausen (L1208) fanden Forennutzer „kein Netz“ auf einer vielbefahrenen Straße von 5 KM Länge, und ausgerechnet da liefert das viel kritisierte E-Plus seit Anfang 2013 sogar mit HSPA+ , ein ähnliches Bild beim Kloster Bebenhausen (72074 Tübingen).  Südwestlich von 75175 Pforzheim, Ortsteil Würm Richtung Tiefenbronn auf der L572 melden Nutzer „kein GSM“, aber o2 liefert ein Signal. Der gern besuchte Kurort 75323 Bad Wildbad mit den Orten Brotenau, Kaltenbronn, Dürreych bietet entweder sehr wenig oder gar kein  GSM. Bei  Kaltenbronn in Richtung Gernsbach über den Hohloh auf der L93 vorbei an der Ski-Piste (Richtung Berggipfel) gibt es offenbar kein GSM der Telekom, dafür aber einen nagelneuen Behördenfunk-Mast (Tetra-Technik), den bislang lediglich Vodafone für die GSM-Versorgung nutzt. Die Telekom wurde dort noch nicht gesichtet… Vielleicht hätten die Behördenfunker damals doch auf GSM setzen sollen, dann hätten wir heute ein flächendeckenderes Netz.

Die sehr lange Liste der Funklöcher im Südwesten liest man hier und hier und die Seite www.kein-netz.de hat noch weitere Einträge.

Aber auch aus dem dichtbesiedelten Nordrhein-Westfalen werden Funklöcher berichtet, etwa in der Region 47625 Kevelaer Wetten, 47661 Issum Oermten, 47509 Schaephuysen, 47457 Kamp-Lintfort Hoerstgen und so weiter. Die Liste liesse sich beliebig weiter fortsetzen.

Netzausbau kostet Geld

Eins ist ganz klar: Der volle flächendeckende Ausbau ist nicht zum Nulltarif zu haben, das kostet richtig viel Geld. Da müssen Masten und Schaltschränke montiert, Signalleitungen und Strom in die Walachei gelegt, lokale Bürgerinitiativen besänftigt, passende Standorte und willige Vermieter gefunden werden.

Die notwendigen Netzausbaukosten seien vor allen Dingen der Generation „Geiler Geiz durch permanente Schnäppchenjagd“ ans Herz gelegt. Doch wenn dann punktuell ausgerechnet die „billigsten Anbieter“ in Problemzonen schon Netz haben und der Premium-Marktführer nicht, dann wirds argumentativ schon etwas schwierig. Für die Kostenrechner: Es wird sicher Stationen geben, die ihre Aufbaukosten nie einspielen können, wenn man die Kosten aber über das gesamte Netz rechnet, dann sollte das notwendige Geld zu finden sein, wetten?

Patentlösung: National Roaming

Eine schnelle Lösung sollte das Thema „National Roaming“ sein. Überall da, wo ein Netzbetreiber kein Netz bieten kann oder will, müßte national Roaming bei den Mitbewerbern möglich sein, d.h. der Kunde müßte sich dann bei der Konkurrenz einbuchen können, wenn er das will.

Das könnte man relativ schnell einführen (Telefonica o2 und Telekom haben es lange Jahre gezeigt, wie reibungslos das funktionieren kann.) Man könnte lokal die fremden Netze für alle freigeben, also ohne Aufpreis.  Oder man verwendet die EU-regulierten Roaming-Tarife, der Kunde müßte sich dann vor Ort aktiv umbuchen, wenn er ein Netz benötigt. 29 Cent pro Minute zahlen viele Kunden schon heute (und wissen es nicht), von daher wäre das nicht mal unbedingt eine Verteuerung. Die etwas höheren Einnahmen durch die Roaming-Kunden (hier würde dann wieder genutzten Minuten und genutzten MB und ohne Flatrates und Minutenpakete abgerechnet) könnten vielleicht auch den lokalen Netzausbau etwas mehr befördern.

Bei schnellen Datenleitungen haben die Verantwortlichen schon eingesehen, dass es keinen Sinn macht, 4 verschiedene LTE-Sender aller 4 Netzanbieter in Klein-Kleckersdorf zu installieren, die sind froh, wenn es wenigstens eine schnelle Leitung gibt.

TAL-Line Sharing im Mobilfunk?

Beim Festnetz ist der „marktbeherrschende Anbieter“ verpflichtet, seine Leitungen „unterzuvermieten“, wenn das gewünscht wird. Beim Mobilfunk gibt es offiziell keine marktbeherrschende Anbieter, aber wenn vor Ort nur ein Anbieter von vieren Netz bietet, ist er hier „marktbeherrschend“. ‚Warum könnte es da keine vergleichbare Lösung geben, beispielsweise über die bereits regulierten EU-Roaming-Tarife? Wem das national Roaming zu teuer ist, muss es ja nicht nutzen, aber mal ehrlich: Man ist doch manchmal heilfroh, ein Netz zu haben, um Freunden oder Bekannten Bescheid sagen oder den Pannendienst rufen zu können. Die Panne findet doch meistens nur dort am Ende der Welt statt, wo aktuell kein Netz vorhanden ist.

Vielleicht wäre das Thema „National Roaming“ das Gesprächsthema bei den anstehenden Feiern zum Testsieg, bei dem sicher Vertreter aller Mitbewerber zugegen sein dürften.

Zum Schluß mein notorisches Credo:

Mit immer mehr „Billicher“ und „Ramsch“ ist kein Blumentopf zu gewinnen. Es bedarf neuer Initiativen und Anreize, damit die Kunden wissen, wofür sie ihr Geld ausgeben.

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4 Antworten to “Telekom gewinnt Netztest, aber…”

  1. Jason Says:

    Unitymedia ist nicht nur in Hessen (frueher KabelBW), sondern auch in NRW aktiv. Unitymedia ist auch nur noch die Marke, die Firma dahinter ist Liberty Global und war — so weit ich meine das gelesen zu haben — auch daran interessiert Kabel Deutschland zu uebernehmen.

    Ich bin sehr zufrieden mit meiner 100 MBit Leitung. Anschluss-Service war bei mir immer puenktlich, schnell (meist wurde nach 1 oder 2 Werktagen die Leitung installiert) und freundlich. Wenn die passende Infrastruktur da ist (relativ neue Hausverkabelung), kann ich den Dienst nur empfehlen.

  2. Mattes Says:

    Ich muss immer wieder feststellen das hier in Deutschland die technische Entwicklung anderer Länder hinterher hinkt. Wenn ich mich im Grenzgebiet Österreich, Schweiz, Ungarn und Luxemburg aufhalte kann ich sicher sein daß bei automatischer Netzwahl ich irgendwann im ausländischen Netz bin weil das deutsche Mobilfunknetz einfach schlecht ausgeleuchtet ist.
    In Ungarn, Österreich oder Schweiz ist es schwer ein Funkloch zu finden. Zwar sind diese Länder flächenmässig kleiner aber ich glaube das hier in Deutschland auf Grund schwieriger Genehmigungsverfahren (Bürgerproteste, Ängste vor der neuen Technik, usw.) alles viel länger dauert als anderswo. Warum sollte ein Netzbetreiber in einer Gegend einen Sendeturm aufbauen wo mit zig Klagen wegen Strahlung oder Landschaftsverschandelung zu rechnen ist?!
    Warum gibt es in Deutschland z.B. immer noch kein DVBT 2?
    Usw. – die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. In Ungarn gibt es in kleineren Dörfern Glasfasertechnik mit 100 MBit Internetanbindung – hier gibt es im Großraum Bonn Gebiete in denen nur DSL Light verfügbar ist (oder mobiles Internet).
    Im Großraum Bergisch Gladbach gibt eine Wohngegend in der nicht einmal mobiles Breitband Internet (geschweige DSL oder Kabel) verfügbar ist. Dort muss die Internetverbindung per Satelit aufgebaut werden.

    Wir werden immer hinter anderen Industrieländer technisch stehen solange die Technikfeindlichkeit und Bürokratie in Deuschland so präsent ist.
    Folgerichtig (und wird es auch immer) gibt es doch „großflächige“ Funklöcher in Deutschland.

  3. Mr. Captcha Says:

    > oder soll der Kunde mit 2-3 Handys in der Tasche auf die Reise gehen? (Wie koppelt man eine Freisprecheinrichtung an 2 Handys gleichzeitig?)

    Es gibt eine schöne Lösung für: Dual-Sim-Handys.
    Leider scheinen die Hersteller die Technik der letzten und vorletzten Generation zu verbauen – gleichzeitig dual-core und Dual-SIM wollen sie irgendwie noch nicht.

  4. Cuboro Says:

    Dual-SIM kannst Du auch mit Quadcore haben …
    Zum Beispiel beim Mobistel Cynus T5.

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