Die blaue Revolution?

by

Die Blaue Revolution ist laut Wikipedia eine „seltene Bezeichnung für die Förderung der Aquakultur und der Fischerei in Entwicklungsländern“. Hier und heute soll es aber um den Mobilfunk-Discounter „Blau“ gehen, der im E-Plus Netz funkt und am Dienstag eine kleine „Revolution“ im Mobilfunk angekündigt hat, genauer bei den bisher als „heilig“ und „unantastbar“ geltenden Roaming-Tarifen.

Blau ist eine Discount Marke von E-Plus

Blau ist eine Discount Marke von E-Plus

Blau, zu einer Zeit gegründet, als Fachleute den Markt schon für „ausgelutscht“ hielten, fand die Nische in Grüne-Wiese-Lebensmittel- und Drogeriemärkten bis hin zum klassischen Mobilfunkfachhandel, heute ist das Unternehmen eine 100% E-Plus Tochter und längst in die E-Plus/BASE-Shops vorgedrungen. Vermutlich war „Blau“ auch als „Plan-B-Marke“ von E-Plus für den Fall gedacht, daß die Marke „BASE“ durch Verkauf des ursprünglich belgischen Netzanbieters nicht mehr zur Verfügung gestanden hätte.

Blau wagt nun erstmalig einen Vorstoß bei den nur durch EU-Eingriff gesenkten Roaming-Tarifen. Hier hat die EU-Kommission gerade erst 8 Cent für ankommende und 28 Cent für abgehende Gespräche verordnet. Einen Anbieter, der unter diese Preise gegangen wäre, mußte man bislang mit der Lupe suchen. Ok, es gibt spezielle Roaming-SIM-Karten mit ausländischen Rufnummern, komplizierten Call-Back-Konstruktionen und holprigem Service. Der deutsche Anbieter SIMQuadrat (Sipgate), der das E-Plus-Netz verwendet, verblüffte kürzlich mit im Ausland ankommenden Gesprächen für 0 Cent, wenn man nicht länger als 4 Wochen außer Landes weilt. Doch spielfreudige Tarifjongleure nutzen das mit eigenen Call-Back-Konstruktionen aus, was gerade bei neuen, relativ kleinen und unbekannten Anbietern schnell „kritisch“ werden kann.

Blau traut sich derzeit nicht, die ankommenden Anrufe „kostenlos“ durchzuschalten, weil es – nüchtern betrachtet – im Moment noch ein Drauflegegeschäft ist. Will man den roamenden Mobilfunkkunden im Ausland erreichen, muß man der dortigen Mobilfunkgesellschaft etwas bezahlen. Das könnte sich nur lohnen, wenn der Verkehr in beide Richtungen in etwa gleich viel wäre oder unterm Strich mehr Verkehr von außen ins E-Plus Netz käme. Gleichwohl plant die EU, die Interconnect-Tarife so zu drosseln, daß ankommende Anrufe künftig auch im Ausland kostenlos sein müssen. Bis dahin sind noch einige zähe nächtliche Verhandlungsrunden in Brüssel zu erwarten.

Um den Markt ein wenig anzukurbeln, hat Blau ein wenig Marktforschung betrieben und ermittelt, daß die Leute im Urlaub im Ausland mehr telefonieren würden, wenns nicht so teuer wäre. Man ist sich sicher: Ein Preis von 9 Cent für Anrufe vom Ausland nach Deutschland würde diese „gelernte“ Tarifsperre im Kopf überwinden. 9 Cent aus allen EU-staaten plus der eigentlich als „teuer“ geltenden Schweiz nach Deutschland, das ist doch ein Wort. Zumal Anbieter im D1- oder D2-Netz bei Anrufen aus der Schweiz bis zu 169 Cent pro Minute kassieren, wo sich Blau jetzt mit „nur“ 9 Cent begnügt.

Selbst, wenn man die zugrundeliegende Taktung von 60/60 Sekunden berücksichtigt, sind 9 Cent günstiger als die 30/1 Taktung beim regulierten Preis von 28 Cent, ein kurzes Gespräch würde immerhin mindestens 14 Cent kosten.

Bei aller Einfachheit sind auch ein paar Klippen zu umschiffen. Wer mit seiner Blau-Karte – sagen wir von Italien nach Frankreich telefonieren wollte, bezahlt weiterhin 28 Cent, auch ein Anruf zur lokalen Pizzeria im Urlaub fällt nicht unter die 9 Cent Regelung. Möglich werden aber längere Berichte an die Daheimgebliebenen, wie es den im Urlaub so läuft und was es zu Hause Neues gibt.

Diese radikale Preissenkung gilt übrigens nur für Telefonate und SMS, bei den immer beliebter werdenden Daten haben die Anbieter ein Problem, denn hier können sie noch nicht so leicht untereinander verrechnen. Die nächsten 1-2 Jahre so schätzt Prof. Dr. Torsten J. Gerpott werden die Leute sich aufs Telefonieren noch freuen, aber dann könnte ein Wechsel zu Telefonieangeboten über Datendienste (OTT oder VoIP) stattfinden. Und im Pressegespräch kam gleich die nächste Frage, ob und wann eine Europa-Flatrate denkbar sei.

So ist das in der Branche, kaum reicht einer den kleinen Finger, schon wollen die Leute die ganze Hand, den Arm und am besten noch eine Playstation oder einen All-Inkl. Urlaub dazu.

Scherz beiseite: Tarifliche Innovationen kommen in der letzen Zeit all zu oft von den „kleineren“ Anbietern, wie E-Plus und ein gewissen Grenzen auch o2. Mit der bevorstehenden „Fusion“, die eigentlich formal ein „Aufkaufen“ ist, wird unterm Strich ein „Störenfried“ aus dem Markt genommen, warum sollten drei verbleibende Anbieter sich weiter Preisschlachten liefern? zumal – ich wiederhole mich – die Kehrseite aller Preisschlachten immer weniger Geld für bitter notwendigen Netzausbau und Beibehaltung Service-Qualität ist.

Ob Blau Chef Holger Feistel je damit gerechnet hat, durch die „Fusion“ wieder zu seinem Ex-Arbeitgeber (er war lange Chef des o2-Discounters Fonic) zurück zukehren? Es wird ja schon gemunkelt, daß o2 die Tochter „Fonic“ nach der Fusion vielleicht aufgeben oder mit Blau zusammenlegen könnte. Was das Kartellamt ins Pflichtenheft schreiben könnte, falls es dem Deal im Endeffekt überhaupt zustimmen mag, sei mal dahingestellt.

In der E-Plus-Marken-Community hat Blau den Roaming-Deal vorerst exklusiv für Prepaid-Kunden reserviert, egal ob Neu- oder Bestandskunden. Kunden der Blau- „All-Net-Flat“, aber auch von Blau betreute Nebenmarken wie „Blauworld“, „norma“, „mobilka“ und was es da noch alles gibt, bekommen diese Preise vorerst nicht, und die „Geschwister“ wie Ay-Yildiz oder Simyo bekommen das voerst schon gar nicht. Der Hintergedanke bei Blau ist klar: Kunden anderer Anbieter (am liebsten von Telekom, Vodafone oder o2) sollen ihrem bisherigen Partner den Laufpass geben und zu Blau wechseln. Das kann, sofern der bisherige Anbieter gut organisiert ist, relativ unkompliziert passieren. Was aber, wenn später ein anderer Anbieter „günstiger“ erscheint? Was, wenn ausgerechnet am Wohn- und Lebensort des potentiell neuen Kunden die Netzversorgung nicht so ideal ist? Der Wechsel von Blau weg soll – nach Forenberichten – mitunter etwas „kompliziert“ werden können.

Da hätte ich einen Tipp: Für die nächste Urlaubsreise eine Blau-Karte zusätzlich ordern und durch eine sorgfältig durchdachte Herausgabe diese Nummer, die Zahl der möglichen Urlaubsstörenfriede in Grenzen halten. Sonst ist der Urlaub bald kein Urlaub mehr.

Und noch eins: Wenn Sie im besuchten Land von den Leuten vor Ort erreicht werden sollen oder müssen, könnte eine lokale (ausländische) Prepaid-Karte nachwievor interessant sein. Andernfalls müßten die Leute vor Ort jedes Mal ein teureres Auslandsgespräch führen. Höchstens in der Schweiz brauchen Sie das dann nicht zu bedenken, wenn Ihr Gesprächspartner das NATEL XXL Abo gebucht hat. Für umgerechnet 150 Euro im Monat gibts da bereits ein Europapaket, wo so gut wie alles drin ist.Mehr darüber ein anderes Mal.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , ,

Eine Antwort to “Die blaue Revolution?”

  1. RBrosowski Says:

    Hallo Henning, habe das Angebot auf der Anreise mal ausgelassen (>130 Minuten) ausprobiert. Es wurde sogar im 60/1 Takt abgerechnet. Tolle Sache 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: