Der Alptraum: Netze am Abgrund

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Der Abend war lang geworden. Bei gutem Pfälzer Rotwein diskutierte die Experten-Runde die Zukunft des Mobilfunks und des Internets. Mobilfunkspezialist Johannes D. Braun (Name geändert) ging spät zu Bett und fiel in einen seltsamen Schlaf, im Hintergrund dudelte das Radio.

Glasfaser Kabel (Foto: Deutsche Telekom)

Glasfaser Kabel (Foto: Deutsche Telekom)

Im Halbschlaf hörte er gerade, daß der Deal zwischen Telefonica-o2 und E-Plus geplatzt sei. Carlos Slim hatte sich wohl 88% der Aktien von KPN gesichert und als erste Amtshandlung den Verkauf von E-Plus an o2 abgesagt. In Düsseldorf warte man seitdem man auf weitere Signale aus Mexiko, doch von dort her bislang Funkstille. Die E-Plus-Hotline war über Nacht nach Mexiko umgeschaltet worden. Dort sprach man selten bis kaum deutsch.

Der heiße Sommer mit vielen Gewittern sorgte immer wieder für Ausfälle in Rechenzentren oder der Unterbrechung von Richtfunkverbindungen in den Netzen von Vodafone, E-Plus oder o2. Enttäuschte Kunden nahmen die verschiedenen Testangebote von T-Mobile („kostenlose Xtra Card“) an und legten ihre Discounter Karten in die Schublade. Von der Fusion verunsicherte Vertragskunden waren wohl vorher schon zur Telekom gewechselt.

Braun meinte, gehört zu haben, daß bei Telefonica o2 eine Kernkomponente im zentralen Steuerungscomputer im Badeort Segur de Calafell (Spanien) zusammen gebrochen sei. Tagelang konnte in Deutschland mit o2 oder o2-Alice-DSL nicht mehr telefoniert werden. Wenn es ging, wurden kunterbunt Verbindungen zwischen Leuten, die sich gegenseitig gar nicht kannten, geschaltet, Rufnummern verschwanden spurlos im Netz oder wurden als „unbekannt“, „nicht vergeben“ angesagt. Weitere frustrierte Kunden wechselten zur Telekom.

Im Vodafone-Netz kam es zum GAU. Ganze Regionen blieben auf einmal „tot“, die Handys zeigten „kein Netz“, nachdem Datenverbindungen schon Tage vorher zusammengebrochen waren und Sprachverbindungen eher nach Robotersound als nach realer Stimme geklungen hatten.  Der Vodafone-Hotliner in Tadschikistan konnte leider nicht weiter helfen.

Ob die Vodafone-Arcor Glasfaserleitungen der Bahn in der Hitze geschmolzen waren oder ein verspäteter ICE die über die Schienen verlegten Kabel durchtrennt hatte, war aufgrund eines Stellwerkschadens nicht mehr zu ermitteln.

Ein zutiefst unzufriedener regionaler Vodafone-Netzbetriebs-Ingenieur schaltete dann in einer Nacht- und Nebelaktion seine regionalen Sendestationen direkt an das Netz von Telekom an. Mit zunächst vollem Erfolg: Bestimmte Problemzonen im Südwesten des Landes waren auf einmal so gut wie noch nie versorgt. Freiweillige Helfer verteilten an die betroffenen bisherigen Vodafone Kunden kostenlose Telekom SIM-Karten.

Die Meldung der Wirtschaftspresse überraschte Braun nicht: Die Londoner Börse nötigte Vittorio Colao, sein Amt als Vodafone Welt CEO unmittelbar aufzugeben, Vodafone Deutschland sollte als „New Mannesmann D2 Privat wiederkehren“, hörte Braun im Halbschlaf aus dem Radio.

Eine Suchmeldung der Polizei meldete eine steigende Anzahl von Suchanzeigen nach Personen, die zuvor noch in der Nähe von Handyshops gesehen worden waren und seitdem spurlos verschwunden waren. Ihre Bankkonten zeigten zuvor einen signifikanten Anstieg von Mobilfunkverträgen an, so hieß es.

Offenbar mußte gerade Bundestagswahl gewesen sein, wie Johannes D. Braun noch am Rande mitbekam: Eine grüne Partei hätte wohl 30% der Stimmen gewonnen, 15% sei an irgendwelche „Piraten“ gegangen, welche sofort eine Koalition bildeten und weitreichende Reformen im TK-Sektor einleiteten. Alle Festnetz und Mobilfunklizenzen seien einkassiert worden und als einzigem verbliebenen Netzbetreiber der „Deutschen Bundes-Telekom“ das Recht und Pflicht auferlegt, Deutschland flächendeckend binnen eines Jahres mit breitbandigem schnellem Internet via Glasfaser und Mobilfunk zu erschließen. Durch überall aufgerissene Wege und Straßen kam es zu einem bundesweiten Verkehrschaos. Wer einen neuen Anschluß brauchte, mußte wieder Anträge stellen und monatelang darauf warten, Bundespost reloaded?

Durch den zwangsweisen Wechsel aller Mobilfunkkunden ins neue Einheitsnetz, wurden rechnerisch rund 120 Millionen SIM-Karten aufgeschaltet – in bestimmten Regionen ging bald gar nichts mehr. Dreiklang, Verbindungsabbrüchte gehörten wieder zum Alltag in Mobilfunk und Festnetz. Geschäftsleute, Service-Techniker und andere „wichtige“ Mitmenschen trugen wieder einen „Cityruf“-Pager mit sich.

Das Parlament beschloss in seiner Not ein sofortiges Verbot von Telefon-Flatrates aller Art und führte wieder Minuten-, SMS und MB Vebrauchspreise ein. Reklameplakate „Fasse Dich kurz“ oder „Spar Dir Deine Daten“ wurden überall ausgehängt.

Der CB-Funk, eine einfache Art der Social Media Communication mit einfachen Funkgeräten im regionalen Umfeld, feierte ein großes Comeback.

Die Grünen beschlossen einen internetfreien Tag, an dem alle Bürger auf das Internet verzichten sollen. Je nach Anfangsbuchstaben des Familiennamens sollte dieser Tag in der Woche rotieren, der chinesische Technik-Ausrüster New-Sin-huA (NSA) Computing sollte die dazu notwendige Zeitsteuerung aus liefern, wurde verlautbart.

Erneut fiel Braun in einen bleiernen Schlaf. Als er wieder erwachte, blinzelte die Sonne durchs Fenster hinein. Sein Handy blinkte: „Akku leer – Kein Netz“… Hatte er nur geträumt?

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6 Antworten to “Der Alptraum: Netze am Abgrund”

  1. Eckoman Says:

    Ich habe auch einen Albtraum: dass Hr. Gajek nur noch Gagga-Beiträge verfasst, und das nicht nur am 1. April. Hoffentlich wache ich aus dem bald auf…

  2. Henning Gajek Says:

    Hallo, neugierige Frage: Arbeitest Du in der Branche? Oder hat Dich meine „Satire“ irgendwie getroffen? Dann war der Beitrag vielleicht gar nicht so „gagga“ ? 🙂

  3. Eckoman Says:

    Nein, ich habe mit der Branche nur am Rand zu tun 😉 Aber deine Beiträge waren wirklich schon einmal besser, in letzter Zeit wiederholt sich vieles ohne mehr Substanz zu gewinnen.

  4. meisterroerig Says:

    @ Eckoman
    Ich sehe da schon Gefahren auf uns zukommen.
    Die 4 Mobilfunkunternehmen in Deutschland verdienen doch genug Geld.Deshalb müsste doch auch genug Geld da sein um die Netze fit zu machen. Es gibt überhaupt keinen Grund sich kaputt zu sparen. Und wer es macht wird Kunden verlieren. Aber für die großen internationalen Bosse ist es wichtiger wenn die Tochtergesellschaft immer mehr abdrücken um deren Managementfehler zu bezahlen. Und da ist doch das Problem.

  5. Eckoman Says:

    „genug“ Geld kann kein Unternehmen verdienen 😉
    Letztendlich sind die verlorenen Kunden des einen Anbieters gewonnene des anderen. Die Kunden werden also nur hin- und hergereicht. Aus unternehmerischer Sicht wartet man das Netz dann eben zielgruppengerecht, d.h. gerade so gut dass die Zielgruppe beim Anbieter bleibt und den entsprechenden Preis zahlt. Im großen und ganzen teilt sich der Markt so einigermaßen auf, dass alle damit gut leben können und eine schöne Umsatzrendite einfahren.

  6. Marcel Kratz Says:

    Jaa das stimmt. Deine Beiträge waren auch schon mal besser. Der hier war für die Füße. Wie kommen sie auf solche Ideen zu schreiben? was weder sinn hat? Einige der Beiträge könnte ich jeden tag lesen weil die so geil sind wie der bericht über tellogic 🙂 der ist genial. 🙂 🙂

    Also nix für ungut und soll auch keine Beleidigung sein.

    Liebe Grüße

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