Besuch in der New Pop City

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Am letzten Freitag (16.09.2016) war ich in der New Pop City Baden-Baden. Aus gutem Grund.

Newpop

Seit über 20 Jahren SWR3 Newpop in Baden-Baden

Es war ein Zufall der Geschichte, dass die französische Direction générale des affaires culturelles im Auftrag der französischen Militärregierung einst beschloss, einen Rundfunksender für die Französische Besatzungszone in Baden-Baden anzusiedeln, der den Bereich südlich der heutigen Autobahn A8 , hinunter bis zur Schweiz und das spätere Rheinland-Pfalz mit Radio und später auch Fernsehen versorgte. Daraus entstand – mitbegründet durch den Jazzpapst Joachim-Ernst-Berendt – der Südwestfunk (kurz SWF) in Baden-Baden.

In den späten 60igern und frühen 70igern experimentierte dieser SWF mit einem „dritten“ Programm, aus dem ab 1975 dann SWF3 unter der Leitung von Radiolegende Peter Stockinger wurde. Der wiederum hatte – zusammen mit seinem Team – angeregt durch ein unerwartet erfolgreiches Hörerfest im Sendegelände in Baden-Baden die brilliante Idee für ein Musikfestival der anderen Art, das „SWF3 NewPop Festival“. Musik, die bei vielen Sendern entweder gar nicht oder noch nicht lief.

Das wurde – wen wunderts – ein Riesenerfolg, weil SWF3 sich traute, auch Musiker und Bands am Rande des Mainstreams einzuladen. Wer erinnert sich noch an Ragga and the Jack Magic Orchestra (aus Island) ?

Die Launen der Politik und der Wunsch nach deckelbaren Kosten oder besseren Chancen für die Privatsender legten den SDR (Süddeutsche Rundfunk, rund um Stuttgart) und den SWR (siehe oben) zusammen, pardon es wurde „fusioniert“.

Obwohl es schon ein auf seine Art kultiges SDR3 und das bereits beschriebene erfolgreiche SWF3 gab und sich hier und da Protest regte, wurden beide Sender zu SWR3 zusammengelegt, mit einer zeitweiligen Stuttgarter Sonderlösung, um den „wilden Süden“ zu befrieden. Dabei fiel naturgemäß Einiges zum Opfer, aber Einiges blieb, unter anderem das jetztige „SWR3 New Pop Festival“ in der New Pop City Baden-Baden.

„New Pop City“ könnte man unter Marketingsprech abtun, doch das wäre zu kurz gedacht. Baden-Baden mit einem von italienischen Architekten entwickelten Ortskern der Altstadt, mit viel Grün drum herum war schon lange vor der Erfindung des Radios eine Kurstadt. Daraus hat sich eine beschauliche Kultur von meist älteren und oft vermögenderen Mitmenschen entwickelt, die eher im Verborgenen leben und in der Regel weniger Wert auf Öffentlichkeit legen.

In dieses beschauliche Leben hatte schon SWF3 einen „Paradigmenwechsel“ gebracht, und SWR3 setzte den fort. Gewiss: Im öffentlich rechtlichen Radio haben immer mehr die Kostenrechner das Sagen, denn die nach wie vor als „GEZ“ bekannten Rundfunkgebührenbeiträge reichen vorne und hinten nicht, um ein vernünftiges Programm auf die Beine zu stellen. Also müssen Aktionen her, die wenig kosten und viel bringen – gerne veranstaltet man Gewinnspiele, wo die Teilnehmer eine 0180 Rufnummer anwählen müssen, wo – glaubt man Insidern – bis zu 5 Cent pro ankommende Minute ausgeschüttet werden. Rechnen wir mit 1 Million Anrufen (was sicherlich nicht überdimensioniert ist), kommen wir auf 5 Millionen Cent oder 50.000 Euro. Dafür kann man locker ein Hautnah-Konzert mit einem Superstar finanzieren oder in Verbindung mit einem Reiseveranstalter eine Flugreise organisieren.

Beim Newpop Festival fährt man zweigleisig: Ein großes vielfältiges Programmangebot ist rund um das Kurhaus angesiedelt und „frei“, sprich ohne Eintritt zugänglich: Livekonzerte, interessante Interviews auf verschiedenen Bühnen. Gesponsort unter anderem von einem großen Ingolstadter Autohersteller mit Vorsprung durch Technik (wirklich!) Einst hatten die Untertürkheimer Autobauer die Popjünger in ihr schickes „A-Klasse“-Werk ins nahe Rastatt geladen, wo mittags das Fließband angehalten, abends ein Konzert gemacht und am nächsten Tag wieder produziert wurde. „Insomnia – I can’t get no sleep“ von Faithless – live in der Montagehalle das ging ins Ohr und unter die Haut.

Jetzt ist alles fußläufig in Baden-Baden erreichbar. Konzerte, die nix kosten, und Konzerte wofür man eine schwer erhältliche Karte braucht (der Aufwand lohnt!) Entweder im historischen Rokoko-Theater (das glaubt man erst, wenn man einmal drin war), dann im großen Saal Kurhaus oder im 5-10 Minuten entfernten Festspielhaus im ehemaligen Baden-Badener Hauptbahnhof. (Der heutige Bahnhof hieß früher Baden-Oos und war damals ein Umsteigebahnhof zu den Pendelzügen nach Baden-Baden Hauptbahnhof.

Dann ist noch das Museum von Frieder Burda mit von der Partie, wo die „Live Lyrics“ abgehalten werden. Schauspieler übersetzen aktuelle Songtexte, beispielsweise „I didn’t exspecting that“ von New Pop Star Jamie Lawson, dessen herzrührender Inhalt einem erst nach der Übersetzung richtig bewußt wird.

In einschlägigen Radioforen wird seit Jahren viel gejammert. Über die Radioprogramme im allgemeinen und SWR3 im Speziellen: Zu flach, zu hohe Rotation (es läuft immer das gleiche), zu langweilig, zu kommerziell und so weiter. Über das Programm und seine Macher bei SWR3 kann man Kritik lesen, etwa zu Morning-Woman Anneta Politi und ihren bisherigen Partner Fred Peters und dessen Nachfolger Jonathan „Jontsch“ Schächter aus der Schweiz nach Norden gekommen. Peters und Schächter moderieren gemeinsam, professionell und entspannt (nur die peinlichen Fragen aus der Tonne an den unerwartet vielseitigen Julian Perretta aus London (lebt in Paris) hätten sie sich wirklich sparen können) . A propos Schächter: Der sollte in echtem schwyzerdytsch moderieren dürfen, denn das SWR3-Sendegebiet reicht tief in die Schweiz hinein und auch im SWR-Südwesten verstehen die meisten Einheimischen das allemal.

Die frisch gebackene Mutter Politi wirkt „live“ ganz anders als im Radio: Eine beeindruckende Erscheinung und sehr professionell, wenn sie seelenruhig die Sicherheitsregeln für Konzerte erläutert ohne dass man „Angst“ bekommen muss und punktgenau fürs Live-TV zum Sendestart einzählt.

SWR3 im Radio und SWR3 live: Das sind spürbare Unterschiede. Man entdeckt, dass die gespielten Künstler oft ein viel größeres Repertoire beherrschen, man trifft neue Künstler, bei denen das Zuhören lohnt, kann sich von unscheinbaren Philosophen wie „Bosse“ verzaubern lassen (wie macht der das nur?) , hört Folk und Blues (vielleicht auch mehr Jazz?) oder läuft einfach mal ein paar Meter durch den endlosen Baden-Badener Stadtpark und atmet tief durch.

Immer wenn einem das Radio-Programm „auf den Keks“ zu gehen droht, zeigen die Macher am Fremersberg, dass es auch anders besser gehen kann und das Wetter liefert den passenden Optimismus dazu.

Wer noch Ideen sucht, was Radio leisten kann, darf ruhig mal in den Archiven unter „SWF3“ nachschauen. Nicht alles war dort gut, das räumte selbst Peter Stockinger damals ein. Wo gab es öffentliche Streitgespräche zwischen dem Programmchef (Stockinger) und seiner Moderatorin (Evi Seibert) vor laufenden Mikrofonen? Ich erinnere mich, als Michael Wirbitzy schon morgens um 7 Uhr gestandene Politiker mit zackigen Detail-Fragen aus der Fassung brachte und bestimmte Topmeldungen des Tages nicht vom Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL sondern von der SWF3-Redaktion aufgedeckt wurden. Wirbitzky kann Journalismus wie auch Kult, wie „Marianne 013“ oder „Nix verstehen in Athen“ oder das ewige Taxi nach Memphis „Wo du wolle…“ . „Peter Gedöns“ ist weniger mein Fall.

Eines Tages werden Radio-Archäologen den Baden-Badener Giftschrank mit „Best of Elmi“ öffnen. Ich habe diesen Typen live im Studio erleben dürfen: Wenn (außer seiner Technikerin) niemand um herum war, dann war der richtig gut. Was er im TV oder in Diskotheken vor Publikum ablieferte war… bereiten wir lieber den gütigen Mantel des Schweigens der Geschichte darüber.

Laufen wir zum Abschluss noch einmal durch die Baden-Badener Innenstadt über den roten Teppich, relaxen im Eiscafé bei frischgebackenem Apfelkuchen (mit Sahne) und einem Eiskaffee. New Pop City Baden-Baden – auch nach über 20 Jahren ist der Zauber immer noch da.

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Eine Antwort to “Besuch in der New Pop City”

  1. Oli P. Says:

    Lieber Henning,
    vielen Dank für deinen schönen Artikel der, wahrscheinlich gerade da er nicht zu 100% das ist was ich hier im Blog erwarte, zeigt das es auch heute noch möglich ist Artikel selbst zu schreiben.
    Ganz einfach nicht, wie viele bezahlte (Paywal) Zeitungen da draußen einfach die Pressemeldung kopieren, sondern selbst vor Ort sein, genießen, zurückblicken und seine eigenen Gedanken niederschreiben.
    Toll!
    Gruß
    Oliver

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