Schufa-Forschung: Viel Aufregung um Banales, Irreführendes und Überflüssiges

by

Die Internetszene ist in Aufruhr. Die Schufa, die Geschäftsleuten verraten will, ob mögliche Kunden gut und vor allen Dingen pünktlich zahlende Kunden sein werden, wollte im Rahmen eines Forschungsprojektes soziale Netzwerke wie Facebook etc. wissenschaftlich auswerten, um daraus herauszulesen, ob ein Kunde „gut“ sein könnte oder nicht.

Bei der Schufa kann man via MeineSchufa seine eigenen Daten abrufen

Bei der Schufa kann man via MeineSchufa seine eigenen Daten abrufen (Foto: Schufa Holding)

Die Aufregung ist riesig, die Medien steigen groß ein und Jeder, der in Deutschland etwas zu sagen hat oder das meint, meldet sich zu Wort und schimpft. Zu Recht?

Ich würde die Geschichte erst einmal etwas niedriger hängen. Zum ersten wäre es gut, wenn hier einmal gründlich geforscht würde und es ist auch gut, daß das (vermutlich unfreiwillig) vorher bekannt gemacht wurde.

Die Schufa Holding AG dürfte eine der größten Auskunfteien im Lande sein und eine Menge an Infos gespeichert haben, weiss vieles aber auch gar nicht oder nicht richtig.

Glauben Sie nicht?

Ich hatte mich vor Jahren für „MeineSchufa“ angemeldet. Hier bekommt man ein Online-Konto, worin man sein eigenes Schufa-Konto anschauen kann. Das Login ist dreistufig, man braucht einen Benutzernamen, ein Passwort und eine vorgedruckte Matrix, aus der über Koordinaten ein ständig wechselendes Zusatzpasswort gebildet wird, was Hackern die Sache ziemlich schwer machen dürfte. (Beispiel: Schaue welche Kennung im Feld A5, B7 und C3 steht, diese Folge wechselt jedes Mal).

Nun also das Konto geöffnet und dann war ich verblüfft: Es fehlten meine Bankverbindung, meine Kreditkarte und einiges mehr. Ich erinnerte mich dunkel, daß meine Hausbank, als ich vor vielen vielen Jahren das konto einrichtete, mir beiläufig sagte, daß man eine Schufaabfrage nur in unklaren Fällen mache. Alles klar.

Viele Schufa“kunden“ berichten, daß gekündigte Handyverträge auch nach der Stillegung des Vertrages noch bei der Schufa drin stünden, man könne sie nur auf hartnückige Nachfrage und gegen eindeutigen Nachweis löschen lassen.

Warum dieser Aufwand?

Wer einen oder mehrere neue Handy-Verträge abschließen will, weil man das neue Handy über einen „Schubladenvertrag“ finanzieren oder einen Handyvertrag über Provisionsrückzahlungen auf traumhaft niedrige Werte drücken will, bekommt pro Vertrag, den er schon hat, einen schlechteren „Score“ Wert. Wie der genau berechnet wird, ist zwar Geheimsache, aber so gefühlsmäßíg kann man sich das in etwa schon zusammenreimen: So viele Handyverträge, da könnte es dem neuen Anbieter irgendwann mulmig werden, ob Hugo Mustermann seine 10 Mobilfunkverträge auch alle brav bezahlen wird.

Wieviele Leute rettungslos verschuldet sind, wissen nur wenige Eingeweihte und vielleicht ist die „negative“ Schufa-Auskunft dann sogar der beste Schutz vor einem Selbst. Muß man den 12. Vertrag wirklich haben? Ist das neue teure Handy erstrebenswert oder gibts eine andere (bessere) Lösung?

Daß man Handytarife auch von vornherein günstiger machen kann, ohne Grundgebühren, absurde Provisionen und so weiter, hat sich langsam herumgesprochen, Namen wie Blau, Congstar, fonic, Fyve, Medion (Ald-Talk), Simyo und wie sie alle heißen machen es uns täglich vor.

Wer eine Prepaid-Karte bestellt oder eine Internet-Telefonnummer einrichtet, wird auch bei der Schufa „durchgeleiert“, einfach um zu sehen, ob diesen Hugo Mustermann überhaupt gibt. Das wars dann schon.

Was bringt die Auswertung von Facebook?

Reden wir von soziale Netzwerken, meinen wir aller erste Linie „Facebook“. Daß es noch Wer-kennt-wen, diverse VZ-Dienste und andere Plattformen gibt, ist längst vergessen, Facebook ist mit 900.000.000 Nutzerkonten der weltgrößte Anbieter dieser Art.

Und was liest man denn dort?

Privates und Banales:

Franz liebt Lisa, war gestern Pizza essen, habe gerade Tagesschau, den Tatort, das Kulturmagazin Aspekte, Arte-TV, einen Film von Rosemarie Pilcher oder Big Brother geguckt, finde den deutschen Sing-Sang-Superstar X besser als den Y, oder mir fällt auf, daß Heidis neues Topmodell der guten Heidi Klum irgenwie ähnlich sieht?

Wenn ich dann vielleicht aus Spaß da hineinschreibe, daß ich gerade an meiner ersten Million arbeite, steigt mein Score-Wert? Und wenn ich mich dann oute, rein versehentlich gestern Abend Germanys Next Top Modell gesehen zu haben, sinkt mein Wert dann wieder abgrundtief?

Wenn ich über Gleitschirmspringen schreibe (ich tue es nicht und ich machs auch nicht), steigt meine unfallversicherungsprämie und wenn ich davon träume, ungestört mit mehr als 120 über die Autobahn oder mit Tempo 50 plus über die Ausfallstraßen menschenleerer Städte zu gleiten, meldet sich meine Autohaftpflicht mit neuen Prämienforderungen oder wird mein Flensburger Punktekonto automatisch an die Schufa übermittelt?

Wenn ich im Kennenlernportal (vermutlich unter Pseudonym) unterwegs bin oder auf Facebook meinen Beziehungsstatus ändere, melden sich sofort GEZ, das Standesamt, das Jugendamt und die Steuerstelle?

Drehen wir da nicht alle ein wenig zu arg am Rad?

Sicher, die Fotos von der letzten Party – sofern Sie dem Alkohol mehr als Ihnen gut tut, zugesprochen haben – haben im „Netz“ nichts zu suchen, aber verhindern können Sie es nie, daß Andere ein paar Fotos hineinstellen, die gar nicht einmal „echt“ sein müssen, die aktuellen Foto-Programme erlauben da Vieles.

Vielleicht hätte die Forschung eines Tages ergeben, daß mit diesen Daten so gar nicht wirklich etwas angefangen werden kann, weil viele Daten falsch, fehlerhaft, unwichtig oder total irreführend sind?

Wenn die Schufa etwas Gutes tun wollte, könnte sie jeden Ihrer „Kunden“ automatisch anschreiben und ihm mal von sich aus mitteilen, was sie über einen weiß. Gewiss, das könnte leicht mehr als die kolportierten 200.000 Euro Forschungsgelder kosten. Schriebe die Schufa alleine 80 Millionen Briefe an alle hier lebenden Mitbürger, würde das rund 40 Millionen Euro Porto kosten, aber dann käme schnell raus, welche Daten in etwa stimmen könnten oder welche heillos veraltet sind.

Soeben kommt die Meldung, daß das Potsdamer Hasso von Plattner Institut der Uni Potsdam gemeinsam mit der Schufa Holding das Forschungsprojekt „abgesagt“ haben, weil so keine unvoreingenommene Forschung möglich sei. Somit wird meine These vorerst nicht wissenschaftlich beweisbar sein.

Schade eigentlich.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , ,

4 Antworten to “Schufa-Forschung: Viel Aufregung um Banales, Irreführendes und Überflüssiges”

  1. Matthias M. Says:

    SKANDAL !!!

    Aber nicht, weil die Schufa etwas völlig Legales tun wollte: nämlich öffentlich zugängliche Quellen auswerten. Das nämlich ist lt. Bundesdatenschutzgesetz legitim.

    Der Skandal ist vielmehr, dass der Gesetzgeber in Form der garade völlig entsetzt heuchelnden Politikclowns es bisher (absichlich) versäumt hat, „Detekteien“ zu kontrollieren! Was als privatwirtschaftliche Kreditabsicherung begann, ist eine Datenkrake geworden. Die Politik verzichtet vollständig auf Kontrolle und Reglementierung. Die Banken haben viel Einfluss in der Politik, was uns gerade in der Finanzsystemkrise sehr bewusst wird.

    Heute fragt fast jeder Wirtschaftszweig bei der Schufa die Bonität ab, kein eBay Account ohne Schufa-Adressanfrage. Und vor allem keine Wohnung ohne Schufa-Offenbarung. Für Mieter wohlgemerkt, beim Kreditkauf sowieso. Wofür früher eine Mietschuldenfreiheits-Bescheinigung des Vormieters genügte, muss es heute die Vollständige Offenbarung sein. Und die Politik schaut tatenlos zu. Nur jetzt heuchelt man mal wieder konsequenzlos Empörung. Super.

    Her mit dem Schufa-Gesetz. Offenlegung aller Scoring-Formeln und Datenbankinhalte für die Datenschutzbeauftragte in Bund und Ländern. Und Beschränkung der Aktivitäten auf den ursprünglichen Zweck: Kreditabsicherung. Für anderes sollte es sogar ausfdrücklich verboten werden. Mehr als dass man keine Mietschulden hat, darf der neue Vermieter nicht erfahren.

  2. K.M.N Says:

    Stimme Matthias zu!

    Vor allem extrem finde ich, dass man selber nicht seine längst veralteten Daten löschen lassen kann! Dies kann – laut Schufa – nur die Bank, das Unternehmen etc. die diese Daten irgendwann mal übermittelt haben. Pech nur, wenn das Unternehmen nicht mehr existiert!

    Gleiches gilt für für Facebook, Daten die der Nutzer löscht erscheinen nicht mehr offen, bleiben aber auf der Facebook eigenen Datenbank erhalten.

    Ich empfehle zusätzlich diesen Artikel zu lesen:
    http://apps4success.net/2012/06/facebook-und-wie-mache-ich-das-meiste-geld-mit-daten-die-mir-nicht-gehoeren/

  3. Rhein-Sieg-Typ Says:

    Ganz so locker würde ich die Schufa-Forschung nicht sehen. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich das man beim „typischen Schuldner (der sozialen Unterschicht)“ bei der Auswertung von Profilen auf gemeinsame Interessen der Personengruppe trifft. Wenn ich mich als (nicht Schuldner) nun aber zufällig auch für ähnliche Dinge interessiere bekomme ich vom Score automatisch ein paar Punkte abgezogen. Einen ähnlichen Effekt gibt es ja schon wenn man in der falschen Wohngegend wohnt, da nützt es nichts wenn man Milliarden auf dem Konto hat, der eine oder andere Anbieter wird niemals auf Rechnung liefern. 🙂

  4. hrgajek Says:

    Hallo, deswegen wäre es das Beste, wenn Schufa und andere gezwungen würden, ihre Daten und Kriterien offen zu legen.

    Schufa wird dagegen argumentieren, daß bei Kenntnis der Kriterien „schwarze Schafe“ (die also ganz bewußt täuschen wollen), genau wüßten, wie sie eine weiße Weste vortäuschen könnten.
    Ich denke, das wissen die heute auch schon 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: