Gibts beim Festnetz eine echte Alternative?

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Interessante Post im Briefkasten. Doch viele Versprechungen erweisen sich als hohl.

Post von der Breitbandinitiative

Post von der Breitbandinitiative

Fritz Müller (Name geändert) lebt auf dem Land. Sein Ort hat 2000 Einwohner. Lange Jahre hat er sich mit 33,6 oder 57,6 kB/s (analog) beholfen, später war ISDN (mit 64 oder 128 kB/s) möglich. Eine Internet-Flatrate ohne DSL ? Da kam die Monats-Call-by-Call-Flatrate von Arcor. Er hat das gerne genutzt, weil die Telekom ihm nichts anbot und keine Änderung am Anschluss oder Vertrag notwendig war.

Zunächst wollte niemand seinen Ort mit DSL ausbauen. Die Gemeinde hatte bei der Telekom gefragt, aber die hatten zunächst utopische Preisvorstellungen. Also entschied sich die Gemeinde für eine „Funk“-Lösung auf WLAN-Frequenzen, die ein kleiner Unternehmer im Ort aufbaute. Kaum hatte der seinen ersten Kunden unter Vertrag, kündigte die Deutsche Telekom die Verlegung einer Glasfaserleitung an. Mitten im Ort wurde ein funkelnagelneuer „Outdoor DSLAM“ installiert. Seitdem freute sich der erweiterte Ortskern zunächst über T-DSL 16.000 . Die logische Folge: Die meisten potentiellen Interessenten ließen den privaten DSL-via-Funk-Anbieter im Stich, zumal dessen „Netz“ nie so richtig stabil gelaufen war. Der Anbieter ging schließlich pleite.

Unpraktisch: Die Telekom erreichte mit ihrem DSLAM nicht alle Ortsteile, in den Randbezirken blieb höchsten DSL Light (max. 384 kB/s) oder ISDN (maximal 128 kB/s mit Kanalbündelung) oder nicht einmal das.

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Dann nahm der Landkreis Geld in die Hand und beauftragte den regionalen Energieversorger, überall Leerrohre für Glasfaser zu verlegen. Das tat der dann auch – mit einigen Pannen. Beim „Schiessen“ der Glasfaser wurden private Abwasser-Hausanschlüsse „getroffen“, der Keller einer Metzgerei im Nachbarort versehentlich „geflutet“ – so was kann ja mal passieren. Mit dem Effekt, dass kommunalen Verkabler zum weiteren Verlegen ihrer Glasfaser die Straßen komplett aufrissen.

Der Erfolg: Fortan konnte man im Ort VDSL 50 haben, auch von der Deutschen Telekom. Sieh an.

Wie viele Kunden der private Anbieter in diesem Ort überzeugt hat, ist nicht bekannt. Es könnten mehr sein, denn seitdem die Telekom im Ortskern ebenfalls „bis zu“ VDSL 50 anbietet, sind die meisten Interessenten lieber dort, denn Telekom (war das nicht früher die Deutsche Bundespost?) kennen die Leute und wissen, was sie an ihr haben.

Kunden, die sich zum privaten Anbieter getraut haben, brauchten dicke Nerven, denn mancher Anschluss lief nicht auf Anhieb störungsfrei, verschiedene Techniker von Telekom und dem privaten Anbieter mussten ausrücken, bis … oh wie peinlich .. der Fehler beim privaten Anbieter beseitigt wurde. Kunden in den Randbezirken hingegen, wo die Telekom keine tragfähige Lösung bieten kann oder will, nahmen das private Angebot begeistert in Anspruch und es funktioniert tadellos.

Tom Maier (Name geändert) lebt in einer mittleren Kleinstadt. Hier gab seit Urzeiten nur die Deutsche Bundespost, heute die Deutsche Telekom. Als Minister Schwarz Schilling das Kabelfernsehen propagierte, wurden auch Koaxkabel verlegt, doch viele potenzielle Kunden winkten bei damals 650 DM (etwa 330 Euro) Anschlußpreis für das Kabel ab. Die Bundespost musste das TV-Kabel später abgeben, an Kabel Deutschland, die wiederum wurden von Vodafone gekauft. Somit sind heute zwei echte und viele „virtuelle“ Anbieter in dieser Kleinstadt aktiv, theoretisch zumindestens.

Die Kleinstadt hatte einen umtriebigen Bürgermeister mit fähigen Mitarbeitern, die ergatterten Fördermittel des Landes und gaben selbst noch etwas dazu: In drei Ortsteilen wurden Outdoor-DSLAMs durch die Deutsche Telekom aufgebaut, Einwohner und Unternehmer surfen seitdem glücklich mit „bis zu“ 50 MB/s (über VDSL). Andere Stadtteile hatten das Glück nicht. Deren Raten reichen von 2000 bis 16000 kB/s, einige Randbezirke schaffen nicht einmal das. Jahre gingen ins Land. Der Bürgermeister wechselte und träumt von einer „Freifunk“ Lösung via WLAN.

Was haben diese Orte gemeinsam?

Deren Einwohner bekommen von Zeit zu Zeit Post. Gleichlautende Post. Absender ist die Firma Vodafone, Kundenbetreuung in Ratingen. Die Schrift ist aber so klein, dass man das zunächst gar nicht realisiert.

Eher sieht man im Absenderfenster das gute alte Posthorn-Logo und den Begriff „Deutsche Post Postwurf Spezial“ und das alles in einem „amtlich“ wirkenden grauen Umschlag ohne Briefmarke oder Stempel. Machen wir es auf.

Post von der deutschen Breitbandinitiative?

Post von der deutschen Breitbandinitiative?

im Rahmen der Deutschen Breitbandinitiative“ heißt es da, „informieren wir Sie heute über aktuelle Möglichkeiten der Datenübertragung in Ihrer Region.“ Klingt gut.

„So können wir Ihnen mitteilen, dass auch bei Ihnen die Option besteht, einen Internet- und Telefonanschluss zu interessanten Konditionen zu beziehen. Technisch ermöglicht wird dies über eine Anbindung an unser DSL-Netz.“ Was oft eine klare Falschaussage ist. Doch später genauer.

Die wichigsten Vorteile im Überblick:
– Extrem günstige Internet & Phone Tarife mit attraktiven Neukunden-Angeboten.
– Maximale Internet-Geschwindigkeiten im Down- und Upload (1) nach Verfügbarkeit.
– Einfacher Wechsel inklusive Kündigungsservice, Gratis-Installation und Rufnummern-Mitnahme
– Kostenlose 24 Stunden-Hotline für schnelle Hilfe bei allen Fragen
– Leistungsstarker WLAN-Router (2) im Vertrag inklusive

Bis dahin kein Wort, welche konkrete Geschwindigkeit möglich ist, geschweige denn, welcher Anbieter diese Leistungen liefern kann und was das konkret kosten soll.

Nutzen Sie unseren kostenlosen Telefonservice, um die Verfügbarkeit an Ihrer Adresse prüfen zu lassen. 0800-7242563. Dazu erfahren Sie alles über die Preisvorteile der aktuellen Angebote. Weitere Informationen finden Sie auch auf vodafone.de und in unseren Shops. Ihr Vodafone Team

Erst zum Schluss also die Katze aus dem Sack: Es ist Vodafone. Keine Shop-Adresse, keine Öffnungszeiten, keine technischen Voraussetzungen, keine konkreten Preise. Zwei Fußnoten auf der Rückseite des Schreibens nennen mögliche Haken: (1) „Mindestlaufzeit 24 Monate, Kündigunsfrist 3 Monate, das Angebot (welches genau?) gilt nur bis zu einem Datum, ist nur für Neukunden ohne Vodafone-Anschluss innerhalb der letzte 3 Monate. Außerhalb des Vodafone-Netzausbaugebietes jeweils plus 5 Euro Regio-Zuschlag. Sie prüfen die DSL-Verfügbarkeit auf vodafone.de/dsl.

Zum Router erklärt Vodafone unter (2) folgendes: „Gilt bei Abschluss eines Vertrages gemäß Konditionen unter Ziffer 1. Die EasyBox 804 unterstützt keine ISDN-Telefone und – Anlagen. Technologiebedingt kann es vorkommen, dass Sie eine andere Easybox erhalten.“

Halten wir fest: Im Rahmen einer nebulösen deutsche Breitbandiniative verspricht Vodafone das Blaue vom Himmel, dabei hat Vodafone am ersten Beispielsort gar kein gar kein eigenes Netz bis zum Endkunden, ergo müßte der Kunde dort zum unbekannten Preis X noch 5 Euro mehr im Monat bezahlen, wobei selbst nach Konsultation der Webseite unklar bleibt, ob er den Anschluß überhaupt bekommen kann, selbst wenn er den Auftrag erteilen sollte.

Erst nach Aufruf der Vodafone Webseiten im Internet kommt etwas Licht ins Dunkel, Vertrauen der eher älteren und traditionsbewussten Kunden gewinnt man so nicht.

Preislich liegt das Angebot zunächst unter dem der Telekom, wird aber nach 12 – 24 Monaten spürbar teurer (kann dann aber trotzdem noch unter den Telekom Preisen liegen)
Vodafone verspricht dem Kunden einen topmodernen Router, aber ISDN kann der nicht. „Technologiebedingt“ kann es auch ein anderer Router sein. Klar, falls ein Koaxkabel der Kabel-Deutschland heute Vodafone im Haus wäre (ist es aber nicht) Will der Kunde eine Fritz!Box 7490 haben, kostet diese 5 Euro im Monat extra, bei Telekom kann der Router gekauft oder gemietet (5 Euro mehr) werden, einen „geschenkten“ Router gibt’s dort nicht.

Nun hat Vodafone in unserem ersten Ort gar kein eigenes Netz, sondern muss die Leitungen von der Telekom mieten, sprich, sie können maximal das anbieten, was die Original-Telekom auch hat. Drumherum verpacken sie noch ein Video Portal und werben mit supergünstigen Preisen, die nach einem Jahr empfindlich anziehen und dann nicht mehr so günstig sind.

Warum also sollte sich Fritz Müller in das Abenteuer stürzen, seine Leistungen bei Schmittchen (Vodafone) und nicht bei Schmitt (Telekom) zu kaufen?

Warum sollte Tom Maier, der auch kein Koaxkabel im Haus hat, sich in das Abenteuer stürzen? Die Leitung käme am Ende doch wieder von der Telekom.

Bis alles tut, kostet es als Kunde eines alternativen Anbieters graue Haare und wenn es später nicht tut, wird der alternative Anbieter bestimmt die Schuld auf die Telekom schieben, ob zu Recht oder nicht, spielt da keine Rolle. Ärger ist vorprogrammiert. Da bleibt der Kunde bei der Telekom, auch wenn die einen Hauch teurer sei sollten.

Hätte man bei der Liberalisierung des Telefonnetzes damals eine staatliche Leitungsgesellschaft gründen sollen, die allen TK-Anbietern diskriminierungsfrei die Leitungen und die Technik vermietet hätte? Dann wäre diese Leitungsgesellschaft schnell zur „Bundespost 2.0“ geworden: Amtlich, bürokratisch und schwerfällig. Dann hätten die alle Kunden wieder nur gejammert, wenn sich „Leitungsgesellschaft“ und Anbieter für Endkunden gegenseitig zu Lasten des Endkunden „bekriegt“ hätten.

Gewiss: Die Preise der Bundespost Telekom waren damals hoch, sehr hoch. 35 Cent/Minute für das günstigste innerdeutsche Telefonat will heute keiner mehr zahlen. Aber mit sinkenden Preisen sank auch die Lust, selbst zu investieren. Da kauft man lieber ein Vorleistungsprodukt von der Telekom und betet, dass die Original-Preise für Endkunden bei der Telekom möglichst hoch und die von der Netzagentur regulierten Vorleistungspreise möglichst niedrig bleiben.

Lange Rede kurzer Sinn: Der „schlaue“ Kunde bleibt bei Telekom, die privaten Anbieter „jammern“.

Private Anbieter haben Chancen

Private Anbieter haben dort eine Chance, wo sie mit supergutem Service, am besten eigenem Netz und attraktiven Angeboten punkten können, am besten regional. Dort, wo sie ihre Kundschaft schon kennen und wo der Kunde den Anbieter schon kennt. Soll heißen: Die örtlichen Stadtwerke, der regionale Stromversorger würden am ehesten als Telefonanbieter akzeptiert, wenn wirklich alles reibunglos klappt.

Meine (beschränkten) Erfahrungen mit solchen Anbietern sind eher durchwachsen. Oft regieren freundliche bis verzweifelte Hilflosigkeit gepaart mit Kostenrechnern. Das kann nicht funktionieren.

Es gibt gute private Anbieter, wie beispielsweise Easybell, die nicht einmal ein eigenes Netz haben, aber mit den Vorleistungen ein kreatives Produkt mit knuffigem Service bieten.

Private Anbieter haben dort keine Chance, wo überlastete Mitarbeiter nur zum Schreiben von neuen Verträgen gezwungen werden, ohne auf den Kunden und seine Bedürfnisse eingehen zu können oder zu dürfen.

Eigentlich nichts Neues. Oder?

Einige Lehren daraus:

Die Deutsche Telekom ist nicht mehr die Deutsche Bundespost mit flächendeckendem Versorgungsauftrag. Sondern ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das Geld verdienen soll und muss. Ergo bauen sie nur da weiter aus, wo sie sich einen Rückverdienst der Investitionen versprechen. Dennoch: Ohne die Deutsche Telekom läuft im Land nichts. Das wissen die konkurrierenden privaten Anbieter ganz genau. Die können aus eigener Kraft einen Netzausbau der „Provinz“ kaum stemmen. Zu hoch sind die Risiken und Unwägbarkeiten, die einen kleinen Anbieter schnell um die Existenz bringen und größere Anbieter sind all zu oft „mit sich selbst“ beschäftigt. Eine Ausnahme mag EWEtel sein, die schon lange in der Nordwest-Region aktiv sind.

Bleibt der „Staat“ in Form von Gemeinden, Landkreisen, Bundesländern, die zum sinnvollen und politisch gewollten Netzausbau in der Fläche etwas dazu tun können. Es muss nicht nur reines Geldausgeben sein, es können auch schlaue Projekte vor Ort (zur neuen Wasserleitung gleich ein Leerrohr für die Glasfaser dazu legen) oder lokale (Bürger)Initiativen vor Ort sein, die sich ihren Kabelgraben vielleicht sogar selbst graben. Nur so ganz von selbst passiert da halt nichts.

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4 Antworten to “Gibts beim Festnetz eine echte Alternative?”

  1. chris Says:

    Lustig, bei uns im Ort (tiefste Provinz, 4000 Einwohner) lief es genau so ab:
    Kein DSL von der „Post“ möglich da der Ort per Funk ans Telefonnetz angebunden war.
    Mit viel Aufwand hat ein Bürgernetz Breitband per Richtfunk zugeführt, Access Points installiert und konnte schließlich flächendeckend „bis zu 10 Mbit“ pro Haushalt anbieten.
    Kaum war der Ausbau abgeschlossen hat die „Post“ über 4km ein Kabel durch die Pampa gezogen und DSL angeboten, 10 Euro unter dem Bürgernetzangebot – die sind natürlich auch pleite gegangen…

  2. Jörg Says:

    Das mit den Lockbriefen, wo das Blaue vom Himmel versprochen wird macht die Telekom hierzustadt auch. Die sehen zwar nicht offiziell aus, aber enthalten auch nur Versprechungen. Zum Glück gibts hier Kabel da habe ich durchgehend 100 MBit statt zwischen 10 und13 MBit bei der Telekom.

  3. Gerd Hafenbrack Says:

    „Es gibt gute private Anbieter, wie beispielsweise Easybell, …“
    Leider ist Easybell hier nicht mehr verfügbar.
    Ich vermute, dass es daran liegt, dass Easybell bisher auf Telefonica gesetzt hat und Telefonica seine eigene Infrastruktur aufgibt.

  4. Vodafone bringt sich wieder ins Gespräch – Nicht immer vorteilhaft. | hrgajek.de - Henning Gajek's Blog Says:

    […] „halbamtlichen“ Aktionen gab es bei Vodafone schon früher, ich habe hier schon eine vorgestellt, die in meinem Briefkasten landete, mehrfach übrigens. Neu ist dieses Mal allerdings, dass die […]

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