Das Wunder von Bern

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Der 22. April 2010 hätte ein langweiliger Tag werden können. In der TK Welt wäre an diesem Tag eigentlich nichts Wichtiges geschehen, wäre da am frühen Morgen nicht eine Bombe geplatzt: Die WeKo hat die Fusion von Orange und Sunrise gestoppt. Was bedeutet das?

Die WeKo ist die Schweizer Wettbewerbskommision und sozusagen das Kartellamt der Schweiz. Sie entscheidet unter anderem über alle grösseren Fusionen. So war sie auch zuständig für die geplante Fusion von der Nummer Zwei und Drei des Schweizer Marktes. Ein Markt, der nur aus drei echten Playern besteht. Bisher war sie relativ harmlos, wenn es um das Stoppen von solchen Vorhaben geht. Um sich das klar zu machen, genügt ein kleiner Blick in die Vergangenheit.

So fusionierten 1997 der Schweizerische Bankverein und die Schweizerische Bankgesellschaft zur UBS.  Dazu muss man wissen, dass diese Banken zu dieser Zeit die wichtigsten Banken der Schweiz waren.  Zusammen mit der Credit Suisse, die unter anderem die Neue Aargauer Bank kaufen konnte, beherrschen diese Institute nun den Markt.

Die Migros, ein zusammen mit Coop Marktbeherrschender Detailanbieter durfte 2007 die wichtigste Konkurrenz, den Denner Discount schlucken. Im gleichen Jahr sorgte Coop dafür, dass die eigene Tochter Interdiscount von Fust weniger gefährdet wird, in dem sie diese Firma einfach kaufte – und sich später über Auflagen beim carrefour Kauf lautstark beschwerte. Wie das Preisniveau der Schweizer Detailhändler ist? Gehen sie mal in einen Schweizer Detailhändler und zahlen an der Kasse.

2009 gab es dann auch auf dem Pressesektor eine Fusion. TAmedia durfte Edipresse schlucken. Damit übernahm ein „deutschsprachiges“ Haus eines aus der Französischen Schweiz. Auch dies ohne grosse Einwände. Damit gibt es einen Marktbeherrschenden Anbieter bei Zeitungen sowohl in der deutschsprachigen als auch der französischen Schweiz. Nein, die Preise der Presse sind gar nicht so hoch. Es gibt diverse Gratiszeitungen in der Schweiz. Die Macht dieses Anbieters ist jedoch erschreckend. Um die Gratiszeitung „.ch“ zu bedrängen, gründete TAmedia eigens die Zeitung „News“. Später, als „.ch“ aufgegeben hat, wurde auch „News“ eingestellt.

Jetzt wollten sich zwei Telekommunikationsunternehmen zusammenschliessen, die zusammen immer noch keiner als der grösste Konkurrent – sie Swisscom – wären. Doch genau das wurde jetzt abgelehnt. Die Begründung: ein New Orange würde zusammen mit Swisscom ein marktbeherrschendes Duopol bilden. In Anbetracht der vorherigen Entscheide ist das eine Sensation und überraschte nahezu alle.

Die WeKo steckt in mehreren Zwickmühlen. Hätte sie auch diese Fusion durchgewinkt, hätte sie sich eigentlich selbst für überflüssig erklärt. Wenn in nahezu allen Sektoren marktbeherrschende Unternehmen Fusionen durchführen dürfen, warum braucht es dann diese Einrichtung?

Viel interessanter ist jedoch, was die WeKo hätte tun müssen, hätte sie die Fusion genehmigt. Klar wäre, Sunrise – der einzig echte angreifende Anbieter im Mobilmarkt der Schweiz – wäre verschwunden. Mit inphone gibt es keine ernste Konkurrenz. Aus dem Tele2 Deal, wo Sunrise die Nummer 4 Tele2 gekauft hat, hat die WeKo gelernt, dass Übernahmen in diesem Sektor zu steigenden Preisen führen, da günstige Tarife aus dem Sortiment genommen werden.

Also hätte sie den Wettbewerb zwangsverordnen müssen. Beispielsweise durch eine Art Regulierung. Die Preise dürfen die Schweizer Anbieter, im Gegensatz zu Deutschland, quasi selber festlegen. Genau darauf beruhen jedoch die hohen Tarife in der Schweiz. Durch die hohen Entgelte werden günstige Tarife gefährlich. Das ganze in Kombination mit der Tatsache, dass Schweizer bei ihrer PTT bleiben und nicht wechseln wollen, ist die schlechteste Ausgangslage für guten Wettbewerb.

Ein weiterer Aspekt liegt darin, dass die Swisscom bis heute in Staatsbesitz ist und erstaunliche Renditen abwirft. So ist so mancher Franken, den ein Schweizer Konsument in seinem Mobiltelefon versenkt eine indirekte Steuereinnahme für den Staat – die auch von vielen Urlaubern gezahlt wird. Diese Einnahmen sollten nicht wegbrechen.

Also was macht man nun? Eine Fusion genehmigen, die zu Auflagen führen würde, die irgendwann auch die Swisscom treffen würden, oder den Status-quo beibehalten? Klar ist, Sunrise und Orange werden so schnell nicht geschlossen. Zwar wurden die Firmen von ihren Mutterkonzernen schlecht gerechnet, um die Fusion mit Synergieeffekten begründen zu können, in Wahrheit werfen aber auch diese Unternehmen Gewinne ab. Vielleicht bewegt sich etwas, wenn cablecom’s Mutter UPC anfängt, über eigenen Mobilfunk nachzudenken. Die Marke wollen sie ohnehin loswerden, also warum nicht?

Eines ist klar, dieses kleine Wunder von Bern wird den Markt aufmischen. Wie, wird sich aber erst zeigen.

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Eine Antwort to “Das Wunder von Bern”

  1. Orange Schweiz geht an Finanzinvestor « hrgajek.de – Henning Gajek's Blog Says:

    […] hat dann die Weko, die im Land der Duopole und hohen Preise das Entstehen eines weiteren Duopols verhindert hatte, diese wohl schon ordentlich […]

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